Orthodoxe Bibliothek

  1. {pdf}http://bibliothek.orthpedia.de/pdf/buecher/HESYCHASTISCHEN_FEHDEN.pdf{/pdf}
  2. ln dem vorliegenden Büchlein veröffentlichen wir die Vorträge, die im Frühjahr 1985 bei dem "Seminar für Orthodoxe Liturgie und Spiritualität " in Frankfurt gehalten wurden. Dieses Seminar wird durch die Initiative der Gemeinde des Hl. Nikolaus in Frankfurt und deren Vorsteher, Erzpriester Dimitrij Ignatiew, seit über zehn Jahren in derzeit unmittelbar vor dem Osterfest durchgeführt. Es wendet sich an alle, die sich mit dem geistlichen und liturgischen Leben der Orthodoxie vertraut machen möchten oder ihre Kenntnisse Vertiefen wollen."

    Das Seminar beginnt mit einer Studienperiode, in deren Verlauf sich orthodoxe Theologen aus dem In- und Ausland darum bemühen, den Teilnehmern Kenntnisse von der Lehre und dem Leben der Orthodoxen Kirche zu vermitteln. DieseKenntnisse sollen jedoch nicht abstrakt bleiben, sondern durch die Teilnahme an den Gottesdiensten der Orts¬
    gemeinde ergänzt werden. Das Seminar geht daher nach der Studienperiode in das praktische Miterleben der orthodoxen Karwoche und der Ostemacht über, die den Höhepunkt des Kirchenjahres darstellt. In dieser Zeit entfalten sich die Gottesdienste in ihrer ganzen Fülle und tiefen Schönheit. Aus diesem Grund wird das Orthodoxe Seminar
    immer in dieser Zeit abgehalten. Hier blickt der Gläubige in das Herz der Orthodoxie. Von hier aus kann er das gesamte Kirchenleben der
    alten, ungeteilten Kirche verstehen.

    Das Anliegen des Seminars ist, - wie die Veranstalter vor einigen Jahren schrieben - in dieser unruhigen Zeit das Verständnis für die alte Kirche mit ihrer gewahrten Tradition zu wecken und als ein Ort der Begegnung zu dienen, an dem das offene theologische Gespräch geführt werden kann, das auf den Grund hinweist, der allein in Jesus Christus gelegt ist.

    Um die Vorträge auch über ihren ursprünglichen Rahmen hinaus wirken zu lassen, hat sich die Bruderschaft des Hl. Hiob von Poöaev zu München zum Ziel gesetzt, mit dem vorliegenden Büchlein eine Reihe von Veröffentlichungen einzuleiten, in der im Laufe der Zeit auch die Vorträge der vorangegangenen Jahre gedrückt werden sollen. Die Bruderschaft des Hl. Hiob führt damit eine alte und ehrwürdige Tradition ihres Klosters fort . Sie beabsichtigt, durch diese und ähnliche Veröffentlichungen, die ganz auf ihre Kosten und durch ihre eigene Arbeit verwirklicht werden, einen Beitrag zur Verbreitung des orthodoxen Glaubensgutes unter den Gläubigen unserer Kirche zu leisten und Außenstehenden einen Einblick in die Lehre, die Tradition und das Leben unserer Kirchezu ermöglichen.

    Die meisten der hier veröffentlichten Vorträge lagen als Manuskripte vor. In diesem Fall wurden Eigenheiten der Rechtschreibung und Zeichensetzung der Autoren beibehalten, soweit sie nicht dem deutschen Sprachgebrauch grundsätzlich widersprachen. Einige der Vorträge wurden von Tonbandaufnahmen nachgeschrieben. In beiden Fällen hatten die Autoren aus zeitlichen Gründen keine Möglichkeit zur Korrektur. Für Fehler, die sich bei diesem Vorgang einschleichen konnten, tragen die Herausgeber alleine die Verantwortung. Einige weitere Vorträge wurden in Form von Gesprächen gehalten. Zu ihnen lagen keine Aufzeichnungen vor, weshalb sie hier auch nicht zur Veröffentlichung gelangen können.

    Wir hoffen, in absehbarer Zeit eine möglichst große Zahl von Vorträgen der vorangegangenen Seminare Zusammentragen zu können, umauch sie einer größeren Zahl von Interessenten zugänglich zu machen, da wir das hier vorliegende Material als eine reicheSchatzkammer identischen Glaubensgutes unserer Kirche betrachten.

    {pdf}http://bibliothek.orthpedia.de/pdf/buecher/Begegnung_mit_der_Orthodoxie.pdf{/pdf}
  3. Liebe Brüder und Schwestern,

     

    wir lesen heute von der wunderbaren Speisung der weit über fünftausend Menschen am Ufer des Sees Genezareth (Pilger ins Heilige Land kennen diese Stelle). Uns ist bewusst, dass Gott nicht nach irdischen Gesetzen handelt und schon gar nicht menschlicher Logik folgt, - und doch wollen wir versuchen, die für uns notwendigen und nutzbringenden Schlüsse zu ziehen, ohne gleich daraus eine Gebrauchsanweisung für Wunder konstruieren zu wollen. Versetzen wir uns daher in die Lage der Zuhörer Christi: viele sind von weit her gekommen, um das Wort Gottes zu hören - darunter auch Frauen und Kinder (s. Mt. 14: 21). Niemand hat ihnen Kost & Logis bzw. eine Aufwandsentschädigung in Aussicht gestellt; sie kamen einzig und allein wegen der Verkündigung vom Reich Gottes. Und während die Jünger des Herrn schon beginnen, sich um das leibliche Wohl all dieser Leute Sorgen zu machen, hören diese noch immer gebannt der Predigt zu. Die Kranken unter ihnen werden fast nebenbei vom Herrn geheilt - einzig aus Mitleid zu ihnen (s. Mt. 14: 14). Wie schwer muss es zuvor den Gebrechlichen unter den Zuhörern gewesen sein, sich in diese Einöde zu schleppen! Doch sie taten es um des Himmelreichs willen, und wurden in völliger Übereinstimmung mit dem vorherigen Wort Christi mit leiblicher Gesundheit belohnt (s. Mt. 6: 33). Offensichtlich war ihre Sorge um das Seelenheil so groß, dass sie sogar ihre legitimen materiellen Bedürfnisse vergaßen! Deshalb sorgt Christus nun materiell für sie. Wir hingegen wollen es auf dem umgekehrten Weg haben: zuerst die Befriedigung irdischer Bedürfnisse,  dann (vielleicht... irgendwann...) die Sorge um das Heil der Seele. Aber mit vollem Bauch betet es sich nun mal schlechter...

    Von uns erwartet ja niemand, dass wir um der Verkündigung willen alles stehen und liegen lassen und alle irdischen Sorgen völlig vernachlässigen (s. Ex. 20: 9). Aber eine Prioritätensetzung vornehmen, das können wir (s. Ex. 20: 10)! Und Gott wird dann schon erkennen, was in unseren Herzen an oberster Stelle angesiedelt ist. So wie bei Abraham oder Hiob, die von Gott zunächst (im irdischen Sinne) viel Gutes erhalten hatten, und dann, als es darauf ankam, um der Liebe Gottes willen nicht zögerten, all das bereitwillig opfern zu wollen.

    Welche Lehre ziehen wir daraus? - Niemand macht gerne Abstriche bei elementaren Bedürfnissen, keiner verzichtet gerne auf liebgewonnene Annehmlichkeiten. Und Gott hat gewiss keine Freude daran, uns diese Dinge zu nehmen oder uns in diesen Dingen einzuschränken. Doch die Erfahrung zeigt, dass Opferbereitschaft für Höheres im Himmel gut ankommt.

    Wenn ich z.B. auf dem Athos bei nächtlicher Außentemperatur von 30 Grad und extremer Luftfeuchtigkeit in einem Schlafraum ohne Moskitonetz mit 30 Pilgern aus aller Herren Länder nächtige, die ihre Socken und Unterhemden auf der Fensterbank oder der Rückenlehne der Stühle zum Trocknen auslegen und die Gänge zwischen den Bettreihen mit ihrem dampfenden Schuhwerk verstellen, dann kann ich diese Bedingungen zu meinem eigenen Nutzen nur mit größter Dankbarkeit annehmen. Wie gerne hört man dann um 2.30 Uhr inmitten des Schnarchens der Pilger das Klopfen der Stundentrommel, das zum Gottesdienst ruft! Und welch ein überwältigendes Glücksgefühl nimmt man dann am Schluss  auf der Rückfahrt zurück in diese Welt mit!.. Für das seelische Wohlbefinden sind solche Unterkünfte fünf Sterne, glauben Sie mir!  Und hier bei uns? - Opfer und Verzicht tun uns gut. In reichlich zwei Wochen beginnt die nächste Fastenzeit - die kürzeste im Jahr. Wir haben wieder die Wahl; entweder widerwillige Enthaltsamkeit nach Schema F (während die Nachbarn im Garten Bratwürste grillen und Bier trinken) oder eine freudige Einschränkung einiger überflüssiger Dinge. Jeder kann für sich das entdecken, was er mit größtem Nutzen für sich entbehren kann. Und da gibt es heute so einiges! Zwei Wochen ohne zu rauchen, ohne Alkoholkonsum - wie wohl fühlt man sich danach! Oder zwei Wochen lang nicht bis spät in die Nacht auf der Couch vor der Glotze liegen, sondern  mal was anderes tun, über sein Leben nachdenken und vielleicht fünf Minuten vor dem Schlafengehen in aller Ruhe zu Gott beten. Oder als Jugendlicher - kaum vorstellbar - vierzehn Tage lang nicht den Nacken vor dem Smartphone verkrümmen und keine laute Musik aus dem Walkman unter die Schädeldecke hineindröhnen zu lassen!.. Und schließlich ein älteres Ehepaar, das für die Zeit des Fastens meinetwegen weiter Schinken und Wurst zum Frühstück isst, aber um Gottes willen nicht miteinander streitet und stattdessen alle Problemchen friedlich und in gegenseitiger Zuvorkommenheit löst (s. Röm. 12: 10). Nur zwei Wochen lang! Wer das tatsächlich schafft, der wird nicht nur keine Entzugserscheinungen haben, sondern beglückt feststellen, wie schön es sich doch ohne diese Dinge leben lässt... Das von Gott gegebene Leben kann für alle so schön sein! Wir müssen für uns nur seinen Sinn (neu) erkennen.     

    So können wir alle Gott dienen, denn "Seine Gebote sind nicht schwer" (1. Joh. 5: 3). Wir müssen nichts Großartiges leisten, um ein Leben nach Gottes Willen zu führen. Wenn wir erst einmal auf den Geschmack dieser harmonischen Gemeinschaft mit unserem Schöpfer  gekommen sind, wird uns alles Weltliche unwichtig, zumindest nebensächlich, vorkommen. Ist das nicht die Wiedererlangung des Paradieses oder wenigstens ein erster Schritt dahin?!..

    Der Herr wollte allein sein, weshalb Er mit dem Boot an diesen abgelegenen Ort fuhr (s. Mt. 14: 13), Er war ja auch Mensch, brauchte Ruhe und Erholung, schöpfte Kraft und Inspiration im Gebet. Aber wenn Er sieht, dass wir uns nach Seiner Anwesenheit sehnen, lässt Er sich gerne umstimmen und schenkt uns neben den verheißenen himmlischen unverhofft auch irdische Güter. Amen.  

  4. Liebe Brüder und Schwestern, im eher systematisch denn chronologisch gegliederten Lukas-Evangelium umfasst die stark verkürzte Version der Bergpredigt (vgl. Mt. Kap. 5-7) gerade ein halbes Kapitel. Schwerpunkte der bei Lukas als "Feldrede" bezeichneten Predigt bilden die Seligpreisungen in Kurzform (Lk. 6: 20- 26) sowie das Wort von der Feindesliebe (Lk. 6: 27-36). Ist also bei beiden Evangelisten von zwei Ereignissen die Rede? Bei Matthäus stieg der Herr auf einen Berg (s. Mt. 5: 1), bei Lukas stieg Er den Berg hinab und sprach in der Ebene zu den Menschen (s. Lk. 6: 17). Ein Widerspruch? Haben wir es hier mit zwei verschiedenen Predigten zu tun? - Eher nicht. Der Evangelist Lukas erzählt davon, wie der Herr zunächst auf einen Berg stieg, dort die ganze Nacht im Gebet verbrachte und dann bei Tagesanbruch aus der Schar der Jünger zwölf auswählte, die Er dann Aposteln nannte (s. Lk. 6: 12-13). Die anschließende Rede an das Volk wurde (aus akustischen Gründen?) wahrscheinlich auf einem Hochplateau des Galiläischen Berglandes gehalten, so dass auch hier der Begriff "Bergpredigt" zutreffend ist. Das Herzstück der komprimierten Bergpredigt lautet: "Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen" (Lk. 6: 31). Diese "Goldene Regel" hat auch in anderen Religionen und Weltanschauungen in der einen oder anderen Form Gültigkeit. Auf den ersten Blick stellt sie ja einen Aufruf zum Handeln nach rein menschlicher Gerechtigkeit dar. Auch von Heiden und Ungläubigen kann man gewiss fordern, dass sie sich allgemein gültigen moralischen Regeln unterordnen und keine doppelten Standards zulassen. Doch der Herr verpackt die Botschaft von der Gleichbehandlung ohne Ansehen der Person in die Rede von der Liebe zu den Feinden (s. Lk. 6: 27-30)! Durch sie ergibt die ganze Botschaft erst richtig Sinn. Denn: "Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür?" (Lk. 6: 32). Durch diese rhetorische Frage hebt der Herr Sein Anforderungsprofil an uns auf eine völlig neuartige Ebene - vom rein moralischen Denken, das sich auf korrektes äußeres Tun beschränkt, auf die spirituelle Ebene, - auf das, was den Zustand der eigenen Seele vor Gott angeht. Und da tun sich zwischen beiden Wertekategorien Welten auf! Denn wer sich bloß nach menschlichen Verhaltensnormen orientiert, lebt weiter in der Illusion, er sei eigentlich ein ganz guter Mensch und sogar kein schlechter Christ; wer sich jedoch spirituell dem Angesicht Gottes nähert, kann nicht anders als Tränen der Buße ob seiner absoluten Unwürdigkeit vor Gott zu vergießen (s. Jes. 6: 5). Der Bergpredigt zufolge reicht "nett sein" Gott nicht aus. Seine Freunde und Angehörige liebt jeder, das ist die natürlichste Sache der Welt; auch nicht aggressiv auftretende Fremdlinge oder friedfertige Außenstehende nach Gesichtspunkten menschlicher Ethik zu behandeln ist ja durchaus noch im Bereich des Vorstellbaren, aber jemanden zu lieben, der mich hasst - das ist gegen die Natur des Menschen. Das ist aus der Perspektive menschlichen Denkens und Fühlens eigentlich unvorstellbar. Doch gerade das fordert der Herr von uns! Mit anderen Worten: wir sollen uns nicht nach unserer (wohlgemerkt: gefallenen) Natur richten, sondern diese überwinden! So wie mit allen Dingen im Leben, ist es jeder Sache zuträglich, wenn sie von frühester Kindheit gelernt wird. Eine Sprache, ein Musikinstrument oder eine Sportart perfekt zu beherrschen ist für einen, der von Kindesbeinen damit anfängt, um ein Vielfaches leichter als für einen im Alter fortgeschrittenen Neuanfänger. Deshalb sollten wir alle unser besonderes Augenmerk auf das richten, wie Kinder sich gegnüber ihren Eltern verhalten. Wir leben ja in Zeiten antiautoritärer Erziehung, in denen dem Nachwuchs schon im Kindergarten eingebläut wird, Kinder hätten nur Rechte und Eltern nur Pflichten. Wohlmeinende Eltern erfüllen in ihrer Naivität ihren Kindern alle Wünsche und merken nicht, wie sie egoistische Nichtsnutze aufziehen, die von anderen immer nur fordern, aber selbst nichts geben wollen. Das eindeutige und unwiderrufliche Gebot: "Ehre deinen Vater und deine Mutter" (Ex. 20: 12a) lässt sich dabei vorzüglich in Verbindung mit der "Goldenen Regel" bringen. Egal was die Kinder in der Kita oder in der Grundschule hören, eines ist gewiss: wie sie jetzt mit ihren Eltern umgehen, so werden später ihre Kinder mit ihnen verfahren. Da sie Respekt und Fürsorge ihres künftigen Nachwuchses jetzt aber noch nicht für sich selbst wollen können, müssen es die Eltern jetzt für sie wollen. Letztere können sich besagter Gesetzmäßigkeit natürlich entziehen, indem sie sich von vornherein gleichgültig in Bezug auf die Entwicklung ihrer Kinder zeigen, aber dann werden sie im Alter zu Opfern ihrer unterlassenen Erziehung. Resultat: abgebrochene Beziehungen, kontinuierlicher Übergang von einer Pflegestufe zur nächsten, Vorfriedhofsruhe. Prüfungen stehen ohnehin, unabhängig vom individuellen geistlich-moralischen Profil, gleichermaßen allen Menschen bevor (s. Offb. 2: 23; 3: 10). Es kommt nur darauf an, wie man sich auf Unvermeidliches vorbereitet. Wer nach dem Geiste des Evangeliums lebt, wird auch dann, wenn er durch große Not geprüft wird, seine übergroße Freude und sogar seine tiefe Armut in den Reichtum selbstlosen Gebens verwandeln (s. 2. Kor. 8: 2). Also brauchen wir uns davor nicht zu fürchten, auch Undankbaren gegenüber mit guten Taten in Vorleistung zu treten, denn das macht die selbstlose Liebe erst aus (s. Lk. 6: 34). Und wenn dereinst auf dem Nachttisch im Altersheim vielleicht eine Bibel liegt, werden wir unter Lk. 6: 31 nachblättern können, wie es von vornherein hätte sein können: "Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen". Um im Alter nicht in Windeln gewickelt zu sein, sollten wir jetzt das tun, was Gott von uns erwartet. Amen.