Orthodoxe Bibliothek

  1. Liebe Brüder und Schwestern, im eher systematisch denn chronologisch gegliederten Lukas-Evangelium umfasst die stark verkürzte Version der Bergpredigt (vgl. Mt. Kap. 5-7) gerade ein halbes Kapitel. Schwerpunkte der bei Lukas als "Feldrede" bezeichneten Predigt bilden die Seligpreisungen in Kurzform (Lk. 6: 20- 26) sowie das Wort von der Feindesliebe (Lk. 6: 27-36). Ist also bei beiden Evangelisten von zwei Ereignissen die Rede? Bei Matthäus stieg der Herr auf einen Berg (s. Mt. 5: 1), bei Lukas stieg Er den Berg hinab und sprach in der Ebene zu den Menschen (s. Lk. 6: 17). Ein Widerspruch? Haben wir es hier mit zwei verschiedenen Predigten zu tun? - Eher nicht. Der Evangelist Lukas erzählt davon, wie der Herr zunächst auf einen Berg stieg, dort die ganze Nacht im Gebet verbrachte und dann bei Tagesanbruch aus der Schar der Jünger zwölf auswählte, die Er dann Aposteln nannte (s. Lk. 6: 12-13). Die anschließende Rede an das Volk wurde (aus akustischen Gründen?) wahrscheinlich auf einem Hochplateau des Galiläischen Berglandes gehalten, so dass auch hier der Begriff "Bergpredigt" zutreffend ist. Das Herzstück der komprimierten Bergpredigt lautet: "Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen" (Lk. 6: 31). Diese "Goldene Regel" hat auch in anderen Religionen und Weltanschauungen in der einen oder anderen Form Gültigkeit. Auf den ersten Blick stellt sie ja einen Aufruf zum Handeln nach rein menschlicher Gerechtigkeit dar. Auch von Heiden und Ungläubigen kann man gewiss fordern, dass sie sich allgemein gültigen moralischen Regeln unterordnen und keine doppelten Standards zulassen. Doch der Herr verpackt die Botschaft von der Gleichbehandlung ohne Ansehen der Person in die Rede von der Liebe zu den Feinden (s. Lk. 6: 27-30)! Durch sie ergibt die ganze Botschaft erst richtig Sinn. Denn: "Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür?" (Lk. 6: 32). Durch diese rhetorische Frage hebt der Herr Sein Anforderungsprofil an uns auf eine völlig neuartige Ebene - vom rein moralischen Denken, das sich auf korrektes äußeres Tun beschränkt, auf die spirituelle Ebene, - auf das, was den Zustand der eigenen Seele vor Gott angeht. Und da tun sich zwischen beiden Wertekategorien Welten auf! Denn wer sich bloß nach menschlichen Verhaltensnormen orientiert, lebt weiter in der Illusion, er sei eigentlich ein ganz guter Mensch und sogar kein schlechter Christ; wer sich jedoch spirituell dem Angesicht Gottes nähert, kann nicht anders als Tränen der Buße ob seiner absoluten Unwürdigkeit vor Gott zu vergießen (s. Jes. 6: 5). Der Bergpredigt zufolge reicht "nett sein" Gott nicht aus. Seine Freunde und Angehörige liebt jeder, das ist die natürlichste Sache der Welt; auch nicht aggressiv auftretende Fremdlinge oder friedfertige Außenstehende nach Gesichtspunkten menschlicher Ethik zu behandeln ist ja durchaus noch im Bereich des Vorstellbaren, aber jemanden zu lieben, der mich hasst - das ist gegen die Natur des Menschen. Das ist aus der Perspektive menschlichen Denkens und Fühlens eigentlich unvorstellbar. Doch gerade das fordert der Herr von uns! Mit anderen Worten: wir sollen uns nicht nach unserer (wohlgemerkt: gefallenen) Natur richten, sondern diese überwinden! So wie mit allen Dingen im Leben, ist es jeder Sache zuträglich, wenn sie von frühester Kindheit gelernt wird. Eine Sprache, ein Musikinstrument oder eine Sportart perfekt zu beherrschen ist für einen, der von Kindesbeinen damit anfängt, um ein Vielfaches leichter als für einen im Alter fortgeschrittenen Neuanfänger. Deshalb sollten wir alle unser besonderes Augenmerk auf das richten, wie Kinder sich gegnüber ihren Eltern verhalten. Wir leben ja in Zeiten antiautoritärer Erziehung, in denen dem Nachwuchs schon im Kindergarten eingebläut wird, Kinder hätten nur Rechte und Eltern nur Pflichten. Wohlmeinende Eltern erfüllen in ihrer Naivität ihren Kindern alle Wünsche und merken nicht, wie sie egoistische Nichtsnutze aufziehen, die von anderen immer nur fordern, aber selbst nichts geben wollen. Das eindeutige und unwiderrufliche Gebot: "Ehre deinen Vater und deine Mutter" (Ex. 20: 12a) lässt sich dabei vorzüglich in Verbindung mit der "Goldenen Regel" bringen. Egal was die Kinder in der Kita oder in der Grundschule hören, eines ist gewiss: wie sie jetzt mit ihren Eltern umgehen, so werden später ihre Kinder mit ihnen verfahren. Da sie Respekt und Fürsorge ihres künftigen Nachwuchses jetzt aber noch nicht für sich selbst wollen können, müssen es die Eltern jetzt für sie wollen. Letztere können sich besagter Gesetzmäßigkeit natürlich entziehen, indem sie sich von vornherein gleichgültig in Bezug auf die Entwicklung ihrer Kinder zeigen, aber dann werden sie im Alter zu Opfern ihrer unterlassenen Erziehung. Resultat: abgebrochene Beziehungen, kontinuierlicher Übergang von einer Pflegestufe zur nächsten, Vorfriedhofsruhe. Prüfungen stehen ohnehin, unabhängig vom individuellen geistlich-moralischen Profil, gleichermaßen allen Menschen bevor (s. Offb. 2: 23; 3: 10). Es kommt nur darauf an, wie man sich auf Unvermeidliches vorbereitet. Wer nach dem Geiste des Evangeliums lebt, wird auch dann, wenn er durch große Not geprüft wird, seine übergroße Freude und sogar seine tiefe Armut in den Reichtum selbstlosen Gebens verwandeln (s. 2. Kor. 8: 2). Also brauchen wir uns davor nicht zu fürchten, auch Undankbaren gegenüber mit guten Taten in Vorleistung zu treten, denn das macht die selbstlose Liebe erst aus (s. Lk. 6: 34). Und wenn dereinst auf dem Nachttisch im Altersheim vielleicht eine Bibel liegt, werden wir unter Lk. 6: 31 nachblättern können, wie es von vornherein hätte sein können: "Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen". Um im Alter nicht in Windeln gewickelt zu sein, sollten wir jetzt das tun, was Gott von uns erwartet. Amen.
  2. Liebe Brüder und Schwestern, heute treffen wir bei Matthäus auf zwei Blinde, deren Augen nach dem Bekenntnis ihres Glaubens (s. Mt. 9: 28) geöffnet werden. Faktische Erzählungen des Evangeliums können genauso wie Bildreden übrigens auch einen übertragenen Sinn haben. Wie unschwer zu erraten, bezieht sich der allegorische Aspekt der Erzählung von den Blinden auf unsere geistliche Blindheit, die nur durch ein stricktes Festhalten am Glauben, sprich, einem aktiven Fortschreiten im geistlichen Leben, abgelegt werden kann. Aber, aber, wie unkonkret ist das denn?! Was soll man sich als heutzutage unter geistlicher Blindheit vorstellen?! - Ganz einfach: die Unfähigkeit, seine eigenen Sünden zu sehen. Schon die erste Stufe der Seligpreisungen verlangt von uns zu Beginn des Matthäus-Evangeliums jene "geistliche Armut", die uns den Zugang ins Himmelreich sichert (s. Mt. 5: 3). Aber was ist das für eine rätselhafte "Armut" vor Gott? Die Auflösung erleben wir am Ende des Matthäus-Evangeliums in Gestalt der "Schafe" zur Rechten des Herrn, die sich ihrer guten Taten vor dem Herrn gar nicht gewahr geworden waren (s. Mt. 25: 37-39). Aber bemühen wir uns überhaupt, uns diese Demut vor dem Herrn anzueignen?.. Stattdessen erwarten wir, dass Gott uns gegenüber in Vorleistung tritt, uns mit irdischem Glück und materiellen Gütern überhäuft, während das Himmelreich noch warten kann. "Wir werden das Reich Gottes ja sowieso zu gegebener Zeit in Besitz nehmen, jetzt aber wollen wir es uns erst mal hier gut gehen lassen" - so denken, fühlen und leben doch die Meisten. Dass sie sich da aber nicht täuschen!... Nach Pfingsten feierten wir das Gedächtnis der Heiligen der Kirche. Heilige sind wie wir Menschen aus Fleisch und Blut, sogar mit Fehlern und sündhaften Neigungen, jedoch sehen sie sich als unendlich sündhaft gegenüber Gott und würden angesichts ihrer eigenen Unwürdigkeit niemals einen anderen ob dessen Schwäche verurteilen. Wir geben uns aber schon damit zufrieden, dass wir keine Räuber, Diebe oder Ehebrecher sind, - und merken gar nicht, dass wir damit die innere Einstellung eines lupenreinen Pharisäers offenbaren (s. Lk. 18: 11). Jedenfalls hindert uns diese Haltung nicht daran, uns selbst über andere Menschen zu erheben und uns mit Gott vollkommen im Reinen zu wähnen. Die unheilvolle Fehleinschätzung. die wir begehen, ist die, dass wir über uns und Andere nach menschlichen statt göttlichen Kriterien richten. Gut, wir leben halbwegs anständig, unser Handeln ist von moralischen Normen geprägt, also sind wir doch objektiv viel besser als irgendwelche heruntergekommenen Halunken. Ja, möglich, dass das aus menschlicher Sicht so ist. Aber wer garantiert mir, dass ich, auch im Einklang mit meinen ethischen Normen von Ehrgefühl und Pflichtbewusstsein, nicht einen Menschen derart verletzt habe, dass ihm der Boden unter den Füßen entglitten ist, oder dass jemand von mir Hilfe in der Not erwartet hat und ich sie ihm bewusst oder unbewusst verwehrt habe?! Ein Suchtkranker oder ein Unzüchtiger ist gewiss auch nicht ganz unschuldig, aber er richtet womöglich keinen so großen Schaden an wie ich in meiner Selbstzufriedenheit. Nur Gott weiß wirklich, was Sache ist. Deshalb ist es von schier unermesslicher Bedeutung, dass wir uns stets redlich bemühen, vor Gott demütig zu sein und ehrfürchtig danach sinnen, in allem Seinen Willen zu tun. Deshalb heißt es: "Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn" (Ps. 110: 10; vgl. Spr. 1: 7; 9: 10). Jemand, der Gott nicht fürchtet, wird seine Vorgehensweise niemals selbst hinterfragen, weil er sein egomanes Empfinden als höchste moralische Instanz sieht. Ist er dann aber nicht ein Tor, der Weisheit und Zucht verachtet (s. Spr. 1: 7)?! Dabei kann er (formal) orthodoxer Christ sein und einen Ruf als vollkommen integrer Mensch genießen, während ein Anderer ohne positiven Leumund trotzdem vor Gott besser dastehen kann. Wir dürfen dabei allerdings nicht in das andere Extrem verfallen und sagen, die konfessionelle Zugehörigkeit oder die Häufigkeit der Gottesdienstbesuche spiele dann ja überhaupt keine Rolle, wenn es nur auf die innere Gesinnung des Herzens ankommt. Es gibt, um das klipp und klar zu sagen, nur den einen "Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh. 14: 6) - Jesus Christus! Nur wissen wir auch, dass Gottes Gnade so unermesslich groß ist, dass sie mit menschlichem Gerechtigkeitsdenken überhaupt nicht kompatibel ist (s. Mt. 20: 10-16) und sogar Gottes eigenen Ratschluss abändern kann, wie im Falle Ninivehs zu Zeiten des Propheten Jonas (s. Jona 4: 11). Haben Adam und Eva nicht endgültig den Tod als Strafe für ihren ungehorsam verdient (s. Gen. 2: 17)?! Todesurteile besitzen gemeinhin die Eigenschaft, nach ihrer Vollstreckung de facto unwiderrufbar zu sein - nur nicht bei Gott! Der Sündenfall der Ureltern war das Fanal für die Rettung des Menschengeschlechts durch die Menschwerdung Gottes, wie im Protoevangelium angekündigt (s. Gen. 3: 15). Und hat vor der endgültigen Überwindung des Todes nach kirchlicher Überlieferung Johannes der Vorläufer nicht denen die nahende Erlösung durch den Herrn verkündet, die im Hades eingeschlossen waren und aus Unkenntnis zu Lebzeiten nicht den wahren Gott angebetet hatten? Dadurch konnten auch sie durch den Glauben Teilhaber der Auferstehung werden! Nun werde ich mich weiter aber nicht an Spekulationen darüber beteiligen, welche Überraschung uns der Herr am Ende aller Zeiten bereitet hat. Das übersteigt den menschlichen Verstand ums Unendliche. Ich möchte bloß nicht, dass wir dann wegen selbstgerechter Sorglosigkeit eine böse Überraschung erleben (s. Mt. 7: 21-23). Deshalb werde ich mich lieber an die Worte aus dem Morgengebet halten, in denen wir den Herrn bitten, unsere Gedanken mitsamt den (geistlichen) Augen zu erleuchten und unseren Verstand vom tiefen Schlaf der Trägheit erstehen zu lassen. Amen.
  3. "Ihr Apostelfürsten und Lehrer des Erdkreises, bittet den Herrscher des Alls, der Welt Frieden und unseren Seelen Sein großes Erbarmen zu schenken". (Troparion zum Fest) "Die starken und gotterfüllten Verkünder, die ersten der Apostel, hast Du, Herr, aufgenommen in die Wonne Deiner Güter und in Deine Ruhe. Denn ihre Leiden und ihren Tod hast Du mehr als jedes irdische Opfer angenommen, Der Du allein die Herzen kennst". (Kondakion zum Fest) Liebe Brüder und Schwestern, zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte beschloss die Kirche, - höchstwahrscheinlich infolge eines Disputs darüber, wem unter den Aposteln der höchste Verehrungsgrad zusteht - das Gedächtnis der Apostelfürsten Petrus und Paulus gemeinsam an einem Tag zu feiern, um die Ebenbürtigkeit dieser beiden Giganten des Geistes zu unterstreichen. Bei tiefgehender Analyse können wir viele Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zwischen den beiden bedeutendsten Verkündern des Glaubens feststellen. Für alle offensichtlich: Petrus war ein Apostel der ersten Stunde, Paulus - ein Spätberufener; Petrus war einfacher galiläischer Fischer, Paulus hingegen - weltmännisch und hochgebildet. Beide waren aber auch der Schwachheit unterlegene Menschen, beide hatten sich gegen ihren Meister versündigt: Petrus verleugnete den Herrn dreimal und Paulus (Saulus) war in jungen Jahren ein fanatischer Widersacher der Kirche Christi gewesen. Aber das alles sind eigentlich nur oberflächliche, wenn auch kennzeichnende biographische Randnotizen im Vergleich zu dem, was wirklich bemerkenswert ist - den göttlichen Offenbarungen, derer sie gewürdigt wurden. Beide haben nämlich die Herrlichkeit Gottes geschaut: Petrus sah mit den leiblichen Augen die "Macht und Größe" von Gottes Sohn (2. Petr. 1: 16; vgl. Mt. 17: 1-9; Mk. 9: 2-10; Lk. 9: 28-36), Paulus wurde "bis in den dritten Himmel entrückt (...) und hörte unsagbare Worte, die ein Mensch nicht aussprechen kann" (2. Kor. 12: 2-4). Und gerade diese Offenbarungen waren das Unterpfand für das immense Verkündigungswerk beider Apostelfürsten. Daran orientiert sich die Kirche in ihrem Missionswerk. Auch wir versuchen manchmal, voller Eifer, aber ohne Erkenntnis (s. Röm. 10: 2), unsere Mitmenschen zum Glauben zu bekehren, indem wir sie zur Befolgung äußerlicher Vorschriften nötigen (z.B. Beten, Fasten, Gottesdienstbesuch etc.) - mit nur mäßigem Erfolg. Da sich unser missionarischer Eifer nur aus der fragwürdigen externen Befolgung solcher Handlungen speist, sind die Erfolgsaussichten unserer Bemühungen von Anfang an limitiert. Wir vergessen dabei, dass das Reich der Himmel zuerst in uns Gestalt annehmen soll (s. Lk. 17: 21), bevor wir andere zur Wahrheit Christi bekehren können. Wäre das - wie bei den wahren Glaubensboten es immer der Fall gewesen ist - auch bei uns so, bräuchten wir niemandem asketische Anstrengungen aufzubürden, deren Sinnhaftigkeit wir selbst nicht so richtig begreifen. Wäre unsere Bestrebung nämlich eine geistliche, - wirklich auf die Erlangung des Himmelreiches schon zu irdischen Lebzeiten ausgerichtet, - würde zuerst in uns selbst und dann in unseren Mitmenschen ein Feuereifer entbrennen, der die Menschen ohne Drängen oder Zureden dazu verleiten würde, ganz von selbst das Himmelreich unter Aufbietung aller ihnen zur Verfügung stehenden seelischen, körperlichen und materiellen Mittel erlangen zu wollen (vgl. Mt. 11: 21; 13: 44-46). Entbehren unsere Bekehrungsversuchen aber dieser Komponente, sind wir nicht besser als Heuchler, die sich einzig und allein auf ihre formale Rechtschaffenheit verlassen (vgl. Lk. 18: 10-14). Also muss uns djederzeit bewusst sein, dass unsere Glaubensanstrengungen spiritueller Natur sein müssen, denn "Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben; das Vergängliche erbt nicht das Unvergängliche" (1. Kor. 15: 50; vgl. Mt. 16: 17; Gal. 6: 8). Wer durch äußere Werke allein gerechtfertigt zu werden glaubt, lässt sich in Wahrheit auf einen fruchtlosen Ablasshandel ein. In diesem selbstgerechten Lebensentwurf wird Christus zur Nebensache. Unser Ziel muss also vielmehr sein, Nachahmer der geistlichen Größe der Aposteln zu sein, damit Christus auch in uns Gestalt annehmen möge (s. Gal. 2: 20a). Und wer Christus so liebt wie Petrus und Paulus es taten (s. Joh. 21: 15-17; 1. Kor 16: 22), dem werden auch menschliche Unzulänglichkeiten vergeben werden, denn Gottes Gnade "erweist ihre Kraft in der Schwachheit" (2. Kor. 12: 9). Ohne diese Liebe sind wir alle, trotz unaufhörlicher Bemühungen, nur "dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke" (1. Kor. 13: 1). Der gravierendste äußere Unterschied zwischen den beiden größten Aposteln ist, bei näherer Betrachtung, eigentlich vielmehr Ausdruck der grundlegendsten inneren Gemeinsamkeit. Petrus war während des irdischen Missionswerkes Christi im physischen Sinne mit dem Herrn, Paulus trat erst nach der Himmelfahrt Christi als Nachfolger Christi im Geiste in Erscheinung. Dem einen wurde der Herr also im Leibe offenbart, dem anderen im Geiste. Keiner steht aber dem anderen in irgendetwas nach. Also bedeutet das, dass auch wir nach Herabsendung des Heiligen Geistes in die Welt Teilhaber Christi durch Seinen Leib (die Kirche) sein können - so, als ob wir physisch bei der Geburt, der Taufe, dem Kreuztod, der Auferstehung und der Himmelfahrt Christi zugegen wären. Ist nicht auch deshalb Paulus auf den meisten Ikonen der Himmelfahrt Christi abgebildet, obwohl er da, historisch betrachtet, noch nicht zur Schar der Apostel gehörte?!.. Folglich kann nun auch jeder mit Christi Leib Verbundene von sich sagen: "Alles vermag ich durch Ihn, Der mir Kraft gibt" (Phil. 4: 13). Amen.
  4. Liebe Brüder und Schwestern, heute feiern wir das Fest aller Heiligen des Deutschen Landes. Gemäß dem heute vernommenen Schriftwort gilt es, keine eigene Gerechtigkeit aufrichten und sich nur der "Gerechtigkeit Gottes" unterwerfen zu wollen (s. Röm. 10: 3). Wegbereiter sind für uns hierbei die deutschen Heiligen, da alle Nationen berufen sind, an Gottes Verheißungen teil zu haben (s. Gen. 12: 3; 18: 18; Gal. 3: 8). Nach dem Wort der Schrift: "Wie sind die Freudenboten willkommen, die Gutes verkündigen!" (Röm. 10: 15; vgl. Jes. 52: 7) bleibt ihr Verkündigungswerk bis heute bestehen vor Gott, mag es auch Jahrhunderte zurückliegen. Glaubensboten wie St. Bonifatius streuten die Saat für künftige Generationen aus. Wenn wir uns darauf besinnen, können auch wir, moderne Christen, standhaft und furchtlos nach der Gerechtigkeit Gottes streben. Doch im krassen Gegensatz zu den Worten des Apostels von der Widerwärtigkeit eigener, menschlicher Gerechtigkeit, haben Erziehungswesen, Medien und Politik es mithin geschafft, dass es z.B. vollkommen "normal" geworden ist, sich Geschlechtsumwandlungen zu unterziehen bzw. "nicht mehr zu wissen, zu welchem Geschlecht man gehört"*), weshalb im Kirchenamt der EKD jüngst gendergerechte Toiletten installiert wurden, um der furiosen gesellschaftlichen Entwicklung vorauszueilen. Und Prominente, die privat wohl keinerlei einschlägige Neigungen verspüren, spielen öffentlich die bisexuelle Karte, um ja nicht als bieder verschrien zu werden. Für eine amerikanische Pop-Ikone, die sich auf der Bühne mit einem weiblichen Teenie-Star knutscht, wäre es ja geradezu rufschädigend, wenn man erführe, sie lebe dauernd mit nur ein und demselben Mann und ihren gemeinsamen Kindern in trauter Familienidylle in ihrer Villa in Los Angeles; ein international was auf sich haltender deutscher Schauspieler und Frauenschwarm kann es sich ebensowenig leisten, dass ihm ein spießiges Image als treuer Familienvater anhaftet, weshalb er öffentlichkeitswirksam in einem Interview über seine sporadischen Ausflüge ans andere Ufer parliert; ein portugiesischer Weltfußballer muss, um dem unlängst vor der WM in Russland künstlich erzeugten regenbogenfarbenen Trend im Weltsport Nr. 1 Tribut zu zollen, seine globale Fangemeinde in den sozialen Netzwerken an experimentellen Erfahrungen mit gleichgeschlechtlichen Partnern teilhaben lassen etc.... So wie in früheren Zeiten Heilige das Volk inspiriert haben, orientieren sich die Massen heute nach den Idolen der Neuzeit. Jüngstes Resultat: Quasi über Nacht wird die "Ehe für alle" eingeführt, obwohl für die Väter des Grundgesetzes in Bezug auf das Eheverständnis im vormals christlichen Deutschland noch Konsens darüber bestand, "dass der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und dass Er gesagt hat: ´Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein`. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen" (Mt. 19: 4-6; vgl. Mk. 10: 6-9; s. Gen. 2: 24). Diese, und nur diese Verbindung, wurde vom Gesetzgeber unter besonderen Schutz gestellt, damals... Und stand die Ehe ohnehin nicht seit ehedem allen offen - Männern wie Frauen?! Wer wird sich hier nicht auf infame Art und Weise überrumpelt und übergangen fühlen?! Es ist beispiellos, wie Gottes Gebot mutwillig vom Menschen aufgehoben wird. Das traditionelle Familienbild wird im Gegensatz dazu seit Jahrzehnten durch perfide manipulative Meinungsbildung der Lächerlichkeit preisgegeben (Stichwort: "Herdprämie"). Wenn heute eine normale, europäisch aussehende Frau (ohne Kopftuch bzw. Piercing und Tätowierungen) mit mehr als drei Kindern auf der Strasse geht, drehen sich die Leute bereits nach ihr um... Auch ist es beileibe keine Seltenheit mehr, dass sich mehrfache Eltern nach einer Trennung vom Ehepartner sexuell umorientieren, und die eigenen Kinder das auch noch als völlig normal betrachten. Längst vorbei sind die Zeiten, als Hollywood-Diven das prüde Pre-Woodstock Amerika mit amourösen Enthüllungen schockierten oder Rockstars wegen Drogenmissbrauchs genüsslich im umsatzsteigernden Rampenlicht standen. Mittlerweile gehören solche Verhaltensweisen von Jugend an zum Grundrepertoire des Durchschnittsmenschen! Heute bedarf es ganz anderer Maßstäbe, um die bürgerliche Mitte noch provozieren zu können. Warum sollte deshalb Nekrophilie nicht bald "en vogue" sein? Normal sein gilt ja bald als Schande. Wenn ich die Absicht hätte, diese Gesellschaft zu zerstören, würde ich angesichts des rapide wachsenden Anteils von Muslimen an der Gesamtbevölkerung keine bessere Methode erfinden können, als das, was gerade abläuft. Und was ist, wenn sich Salafisten jetzt auch an die "Ehe für alle" klammern und (aus ihrer Sicht völlig zurecht) fordern, dass die Ehe nicht nur auf zwei Personen beschränkt werden darf?!... Die Sozialkassen werden sich freuen! Früher dachte man bei derartigen Quantensprüngen noch in Generationen, heute - in Legislaturperioden. Es wäre an der Zeit, eine für Jahrzehnte verbindliche ethische Untergrenze auszuhandeln, unter welche (auch die kirchlich sanktionierte) Moralvorstellung niemals herabrutschen darf. Sonst werden wir beinahe täglich neue Rekordtiefststände auf der nach unten offenen Sittlichkeitsskala melden können. Wie gut, dass wir als "kleine Herde" (Lk. 12: 32) Halt im Glauben finden können und nicht nur am heutigen Tag den himmlischen Beistand der Heiligen des Deutschen Landes für unser irdisches Leben erflehen dürfen. Amen. _________________________________________________________________________________________ *) Die Rede ist hier ausdrücklich nicht von Intersexuellen, deren Geschlecht von Geburt nicht eindeutig definert ist und die folglich vor der objektiven Notwendigkeit einer operativ herbeigeführten Entscheidung stehen.
  5. Liebe Brüder und Schwestern, wieder einmal beschäftigt uns die wechselseitige Wirkung zwischen seelischer und körperlicher Gesundheit. Während die beiden aus den Evangelien bekannten Fälle von wiederaufgerichteten Gelähmten eher auf einen inneren Zusammenhang zwischen Sünde und Krankheit hindeuten (s. Mk. 2: 5-11; Joh. 5: 14), ist dieser bei dem heutigen Blindgeborenen definitiv nicht gegeben (s. Joh. 9: 2-3) und bei den Blinden von Jericho zumindest nicht erkennbar (s. Mt. 20: 29-34). Es wäre ja aus göttlicher und menschlicher Sicht ungerecht, einen Menschen bei seiner Geburt für etwas zu bestrafen, was er noch nicht verbrochen haben konnte. Aber bei den Blinden, die wieder sehen konnten (s. Mt. 20: 34; Mk. 10: 52; Lk. 18: 42-43), wird ersichtlich, dass der Glaube bzw. die anschließende Bereitschaft zur Nachfolge Christi ausschlaggebend für die Heilung ist. Das göttliche Vorauswissen des Grades unserer Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit ist auch entscheidend bei der Gewährung unserer Fürbitten. So erweist unser heutiger Patient dem Herrn zunächst seine unerschütterliche Treue (s. Joh. 9: 33) und danach seine Dankbarkeit, - auch und vor allem nachdem er von seiner geistlichen Blindheit befreit worden ist (s. Joh. 9: 35-37). Hier sah der Herr voraus, dass sein Werk der Nächstenliebe Widerhall im Herzen des Geheilten finden würde. Er Selbst kam ja nicht, um bedient zu werden, sondern um Selbst unserem Heil zu dienen (s. Mt. 20: 28; Mk. 10: 45). Nun will der Herr, dass wir die gleiche Dienstbereitschaft aufbringen, unsere geistliche Blindheit ablegen und Christus als Erlöser erkennen. Der nun sehende Blindgeborene ist in meinen Augen ein schillerndes Beispiel für Treue, die aus dem Herzen kommt. Im Disput mit den Pharisäern verteidigt er beinahe unbekannterweise unseren Herrn, vermutlich, weil er es so empfindet, dass er seinem Wohltäter Dank schuldet. Er verspricht sich keine Vorteile davon - im Gegenteil: er wird von den Pharisäern auf übelste Weise beschimpft und weggejagt (s. Joh. 9: 34). Doch was ist diese Unannehmlichkeit im Vergleich zu dem auf wunderbare Weise geschenkten Augenlicht? Ebenso sind die Prüfungen und Entbehrungen eines Christen nichts in Anbetracht der ins ewige Leben führenden Erkenntnis des Sohnes Gottes (s. Joh. 6: 39; 17: 3). Gott hat ganz sicher keinen Gefallen an unserem Leid; gleichwohl ist dieses als Treuebeweis für uns unverzichtbar. Treue zeigt sich nunmal in der Not. Die Diener im Gleichnis von den anvertrauten Talenten werden zunächst auf ihre Treue in kleinen Belangen geprüft; zwei von ihnen können danach größerer Dinge gewürdigt werden (s. Mt. 25: 21; 23), während der faule Knecht für seine Untreue keinerlei Rechtfertigung findet - nicht einmal die Skrupellosigkeit seines Herrn (s. Mt. 25: 24-26) kann da als mildernder Umstand angesehen werden (vgl. 1. Petr. 2: 18). Nichts auf der Welt kann Treuebruch rechtfertigen. Was schätzt man denn im Allgemeinen an einem Menschen: Verstand, Bildung, Begabung, Freundlichkeit, Manieren? - Aber was ist das alles im Vergleich zu bedingungsloser Treue?! Müssen uns manchmal vernunftlose Wesen (z.B. Hunde) erst vormachen, worauf es im Leben wirklich ankommt? Wer in religiösen, nationalen, familiären, beruflichen Dingen stets treu ist, auf den kann man sich jederzeit verlassen, auch wenn er nicht der klügste, talentierteste oder freundlichste von allen ist. Und umgekehrt, - was sind Reichtum, Schönheit, Macht, Ausstrahlung oder Begabung ohne ein treues Herz wert?.. Letztlich wird uns Gott an unserer Treue messen. Vergessen wir das nicht! Als die Stadt Amorion im Jahre 845 von den Muslimen belagert wurde, entschloss sich einer der eingekesselten Parlamentäre zum Verrat, wofür ihm der Sultan großen Reichtum und einen hohen Posten versprochen hatte. Doch nach vollbrachter Untat ließ der Sultan den Verräter schmachvoll hinrichten, nachdem er bei nüchterner Betrachtung einsah: "Wenn dieser Kerl seinem Herrn und seinem Volk gegenüber treulos war, dann wird er es bei der nächstbesten Gelegenheit auch mir gegenüber sein"... Auch als Petersburger Studenten 1905 dem japanischen Mikado ein Glückwunschtelegramm zum Sieg über Russland schickten, kam postwendend die Antwort: "Bei uns würdet ihr dafür hängen!" Treulosigkeit gegenüber Kirche, Vaterland, Familie, Freunden oder Arbeitgebern ist aber auch immer ein Verrat an der eigenen Person, da man sich selbst als Lügner entlarvt! - Hatte nicht ich aus freien Stücken, aus ganzem Herzen und aus voller Überzeugung Treue gelobt?!.. - Folglich ist jede Abkehr davon aufgrund innerer oder äußerer Verlockungen ein Schlag gegen meine eigenen Prinzipien und Überzeugungen. Opportunismus, Egoismus, Arglist, Hartherzigkeit und Bosheit werden unweigerlich zum Bummerang, dieweil "jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird" (Eph. 6: 8). Dazu eine Parabel: Das Glück ging nachts auf der Straße spazieren und fiel in eine Grube. Dort kauerte es bibbernd vor Kälte bis zum Morgengrauen, bis der erste Passant kam. Das Glück fragte ihn: "Was willst du, um glücklich zu sein?" Der Mann antwortete: "Ich möchte viel Geld haben". Plötzlich entdeckte er einen Aktenkoffer mit großen Geldscheinen unterm Arm und ging hastig weiter seines Weges. Ein Zweiter kam vorbei und antwortete auf die gleiche Frage: "Ich will eine schöne Frau haben". Prompt wurde auch ihm sein Wunsch erfüllt, worauf er mit glänzenden, von seiner neuen Errungenschaft nicht ablassenden Augen von hinnen ging. Ein Dritter jedoch entgegnete dem Glück auf seine Frage folgendes: "Ich habe schon alles. Aber du scheinst Hilfe gebrauchen zu können. Komm, ich helfe dir da heraus!" Er reichte dem Glück seine Hand und zog es aus dem Loch heraus. Dann ging er wieder weiter die Straße entlang, und das Glück heftete sich an seine Fersen Amen.