Orthodoxe Bibliothek

  1. Liebe Brüder und Schwestern,

     

    wir lesen heute von der wunderbaren Speisung der weit über fünftausend Menschen am Ufer des Sees Genezareth (Pilger ins Heilige Land kennen diese Stelle). Uns ist bewusst, dass Gott nicht nach irdischen Gesetzen handelt und schon gar nicht menschlicher Logik folgt, - und doch wollen wir versuchen, die für uns notwendigen und nutzbringenden Schlüsse zu ziehen, ohne gleich daraus eine Gebrauchsanweisung für Wunder konstruieren zu wollen. Versetzen wir uns daher in die Lage der Zuhörer Christi: viele sind von weit her gekommen, um das Wort Gottes zu hören - darunter auch Frauen und Kinder (s. Mt. 14: 21). Niemand hat ihnen Kost & Logis bzw. eine Aufwandsentschädigung in Aussicht gestellt; sie kamen einzig und allein wegen der Verkündigung vom Reich Gottes. Und während die Jünger des Herrn schon beginnen, sich um das leibliche Wohl all dieser Leute Sorgen zu machen, hören diese noch immer gebannt der Predigt zu. Die Kranken unter ihnen werden fast nebenbei vom Herrn geheilt - einzig aus Mitleid zu ihnen (s. Mt. 14: 14). Wie schwer muss es zuvor den Gebrechlichen unter den Zuhörern gewesen sein, sich in diese Einöde zu schleppen! Doch sie taten es um des Himmelreichs willen, und wurden in völliger Übereinstimmung mit dem vorherigen Wort Christi mit leiblicher Gesundheit belohnt (s. Mt. 6: 33). Offensichtlich war ihre Sorge um das Seelenheil so groß, dass sie sogar ihre legitimen materiellen Bedürfnisse vergaßen! Deshalb sorgt Christus nun materiell für sie. Wir hingegen wollen es auf dem umgekehrten Weg haben: zuerst die Befriedigung irdischer Bedürfnisse,  dann (vielleicht... irgendwann...) die Sorge um das Heil der Seele. Aber mit vollem Bauch betet es sich nun mal schlechter...

    Von uns erwartet ja niemand, dass wir um der Verkündigung willen alles stehen und liegen lassen und alle irdischen Sorgen völlig vernachlässigen (s. Ex. 20: 9). Aber eine Prioritätensetzung vornehmen, das können wir (s. Ex. 20: 10)! Und Gott wird dann schon erkennen, was in unseren Herzen an oberster Stelle angesiedelt ist. So wie bei Abraham oder Hiob, die von Gott zunächst (im irdischen Sinne) viel Gutes erhalten hatten, und dann, als es darauf ankam, um der Liebe Gottes willen nicht zögerten, all das bereitwillig opfern zu wollen.

    Welche Lehre ziehen wir daraus? - Niemand macht gerne Abstriche bei elementaren Bedürfnissen, keiner verzichtet gerne auf liebgewonnene Annehmlichkeiten. Und Gott hat gewiss keine Freude daran, uns diese Dinge zu nehmen oder uns in diesen Dingen einzuschränken. Doch die Erfahrung zeigt, dass Opferbereitschaft für Höheres im Himmel gut ankommt.

    Wenn ich z.B. auf dem Athos bei nächtlicher Außentemperatur von 30 Grad und extremer Luftfeuchtigkeit in einem Schlafraum ohne Moskitonetz mit 30 Pilgern aus aller Herren Länder nächtige, die ihre Socken und Unterhemden auf der Fensterbank oder der Rückenlehne der Stühle zum Trocknen auslegen und die Gänge zwischen den Bettreihen mit ihrem dampfenden Schuhwerk verstellen, dann kann ich diese Bedingungen zu meinem eigenen Nutzen nur mit größter Dankbarkeit annehmen. Wie gerne hört man dann um 2.30 Uhr inmitten des Schnarchens der Pilger das Klopfen der Stundentrommel, das zum Gottesdienst ruft! Und welch ein überwältigendes Glücksgefühl nimmt man dann am Schluss  auf der Rückfahrt zurück in diese Welt mit!.. Für das seelische Wohlbefinden sind solche Unterkünfte fünf Sterne, glauben Sie mir!  Und hier bei uns? - Opfer und Verzicht tun uns gut. In reichlich zwei Wochen beginnt die nächste Fastenzeit - die kürzeste im Jahr. Wir haben wieder die Wahl; entweder widerwillige Enthaltsamkeit nach Schema F (während die Nachbarn im Garten Bratwürste grillen und Bier trinken) oder eine freudige Einschränkung einiger überflüssiger Dinge. Jeder kann für sich das entdecken, was er mit größtem Nutzen für sich entbehren kann. Und da gibt es heute so einiges! Zwei Wochen ohne zu rauchen, ohne Alkoholkonsum - wie wohl fühlt man sich danach! Oder zwei Wochen lang nicht bis spät in die Nacht auf der Couch vor der Glotze liegen, sondern  mal was anderes tun, über sein Leben nachdenken und vielleicht fünf Minuten vor dem Schlafengehen in aller Ruhe zu Gott beten. Oder als Jugendlicher - kaum vorstellbar - vierzehn Tage lang nicht den Nacken vor dem Smartphone verkrümmen und keine laute Musik aus dem Walkman unter die Schädeldecke hineindröhnen zu lassen!.. Und schließlich ein älteres Ehepaar, das für die Zeit des Fastens meinetwegen weiter Schinken und Wurst zum Frühstück isst, aber um Gottes willen nicht miteinander streitet und stattdessen alle Problemchen friedlich und in gegenseitiger Zuvorkommenheit löst (s. Röm. 12: 10). Nur zwei Wochen lang! Wer das tatsächlich schafft, der wird nicht nur keine Entzugserscheinungen haben, sondern beglückt feststellen, wie schön es sich doch ohne diese Dinge leben lässt... Das von Gott gegebene Leben kann für alle so schön sein! Wir müssen für uns nur seinen Sinn (neu) erkennen.     

    So können wir alle Gott dienen, denn "Seine Gebote sind nicht schwer" (1. Joh. 5: 3). Wir müssen nichts Großartiges leisten, um ein Leben nach Gottes Willen zu führen. Wenn wir erst einmal auf den Geschmack dieser harmonischen Gemeinschaft mit unserem Schöpfer  gekommen sind, wird uns alles Weltliche unwichtig, zumindest nebensächlich, vorkommen. Ist das nicht die Wiedererlangung des Paradieses oder wenigstens ein erster Schritt dahin?!..

    Der Herr wollte allein sein, weshalb Er mit dem Boot an diesen abgelegenen Ort fuhr (s. Mt. 14: 13), Er war ja auch Mensch, brauchte Ruhe und Erholung, schöpfte Kraft und Inspiration im Gebet. Aber wenn Er sieht, dass wir uns nach Seiner Anwesenheit sehnen, lässt Er sich gerne umstimmen und schenkt uns neben den verheißenen himmlischen unverhofft auch irdische Güter. Amen.  

  2. Katharina: Grüß Gott, Vater! Können Sie mir heute etwas über die Ehe erzählen? Wie denken die orthodoxen Christen über die Ehe?

    Vater Paul: Gewiss, das will ich tun, meine Tochter! Nun, zuerst müssen wir natürlich die Bibel befragen. Die Bibel bietet uns ein schönes Bild bereits im Garten Eden. Es gab im Paradies Adam und Eva. Man kann nicht sagen, dass sie verheiratet waren. Es gab ja damals keine Kirche und Priester, aber wir können die Behauptung aufstellen, dass Gott den Bund dieser Menschen gesegnet hat, indem er sprach, dass die Menschen fruchtbar sein und sich mehren sollten. Somit ist die Ehe ein Bund zwischen Mann und Frau, und der Zweck dieses Bundes ist die Geburt der Kinder.

    Katharina: Aber Vater, heute verheiraten sich auch Männer mit Männern und Frauen mit Frauen? Wie steht die orthodoxe Kirche dazu?

    Vater Paul: Nun, die orthodoxe Kirche ist sich einig, dass dies eine Verirrung einiger Religionen oder sogar christlicher Konfessionen ist. Die Orthodoxen sagen, dass es die Ehe nur zwischen einem Mann und einer Frau geben kann. Die sogenannten gleichgeschlechtlichen Ehen können nicht auf natürlichem Wege Kinder hervorbringen.

    Katharina: Wie soll ich mich als Gläubige den Homosexuellen gegenüber verhalten?

     

    Vater Paul: Vor allem darf man solche Menschen nicht verurteilen. Gott allein ist ihr Richter. Und: Richte nicht, damit auch du nicht gerichtet wirst. Es kann sein, dass ein Homosexueller sich seiner Verirrung bewusst wird und sich nach einer Weile davon abwendet. Wenn du ihn aber verurteilst, tadelst und sogar schlägst, so habt ihr beide nichts davon. Er denkt sich dann die Orthodoxie als eine feindselige Lehre. Du aber erfüllst nicht das Gebot der Nächstenliebe.

     

    Katharina: Vater, Sie sagen, der Zweck der Ehe ist die Geburt von Kindern. Wie ist es denn mit Eheleuten, die aus physiologischen Gründen keine Kinder bekommen können? Ist ihre Ehe zwecklos? Ist es dann überhaupt eine Ehe?

     

    Vater Paul: Da sprichst du wirklich ein interessantes Thema an. Da eben nicht alle Eheleute der Zeugung von Kindern fähig sind, muss wohl die Nächstenliebe der vordergründige Sinn der Ehe sein. In der Ehe haben die Eheleute mehr Gelegenheit, die Nächstenliebe zu erlernen.

     

    Katharina: Aber steht dann etwa nicht das Institut der Ehe im Widerspruch zum orthodoxen Mönchtum?

     

    Vater Paul: Auf den ersten Blick mag es so scheinen. Aber wir haben gerade festgestellt, dass der vordergründige Sinn der Ehe das Erlernen der Nächstenliebe ist. Und keiner wird wohl leugnen können, dass den Mönchen in der Klostergemeinschaft ausreichend Möglichkeit geboten wird, die Nächstenliebe zu erlernen.

     

    Katharina: Vater, Sie haben jetzt mehrmals die Nächstenliebe betont. Kommt nicht da die Gottesliebe zu kurz? Sie ist ja das erste und wichtigste Gebot.

     

    Vater Paul: Du hast recht, meine Tochter. Doch für viele Menschen ist die Gottesliebe zu abstrakt. Daher sollte man mit Nächstenliebe beginnen und dann zur Gottesliebe aufsteigen.

     

    Katharina: Vater, Sie meinten am Anfang, die Ehe sei ein Mysterium. Können Sie das bitte etwas vereinfacht erklären?

     

    Vater Paul: Das ist keine leichte Aufgabe, mein liebes Kind, aber ich versuche es. Mysterium können wir mit Geheimnis übersetzen. Wenn wir von dem Mysterium der Ehe sprechen, so müssen wir einmal die kirchliche Trauung von dem gemeinschaftlichen Zusammenleben eines Ehepaars unterscheiden. Im ersten Fall, bei der kirchlichen Trauung, erhält das Paar göttlichen Segen und gnadenvolle Kraft, um zusammen ihr Leben zu beschreiten. Doch das Mysterium endet damit nicht. Im zweiten Fall sprechen wir auch von einem Mysterium der Ehe, wenn wir das Zusammenleben eines Ehepaars meinen. Die Ehe wird mit der Trauung zu einem Art Mikrokosmos, in dem zwei einzelne Menschen mystisch zu einer Einheit werden. Die Ehe wird dabei zu einer höheren Daseinsform, und das Zusammenleben des Ehepaars ist der nächste Schritt in ihrer Evolution. Für gewöhnlich vergleicht die orthodoxe Kirche die Ehe auch mit der Heiligen Dreifaltigkeit.

     

    Katharina: Vater, können Sie bitte auch diesen Vergleich erklären. 7

     

    Vater Paul: Das will ich tun, mein liebes Kind. Ich möchte jedoch nicht sehr tief ins Detail gehen, denn dafür müsste ich sehr ausführlich werden. Da wir uns jedoch unterhalten, will ich es bei wenigen Worten bewenden lassen. Also, die Orthodoxen sind sich dessen bewusst, dass Gott Liebe ist. Die Heilige Dreifaltigkeit ist also Liebe. Gott will, dass wir diese Liebe lernen. Somit ist der Mensch berufen, diese Liebe zu erlernen. Und das geht am leichtesten in der Ehe. Wenn also zwei Menschen zusammenkommen und beschließen, den Bund der Ehe einzugehen, so wird er vergleichbar mit dem Bund der Heiligen Dreifaltigkeit.

    Vielleicht kann man sich den Vergleich so erklären. Die Christen sagen, dass die Dreifaltigkeit eine Gottheit ist, obschon sie aus drei Personen besteht, aus Gott Vater, Gott Sohn und Gott dem Heiligen Geist. Das Mysterium der Ehe bewirkt aber, dass aus einem Mann und einer Frau, die zwei Personen sind, ein Leib wird.

    Aber persönlich würde ich lieber den Akzent auf die Liebe setzen. Gott ist Liebe. Die Heilige Dreifaltigkeit ist Liebe. Und Gott möchte, dass die Menschen diese Liebe erfahren. Diese göttliche Liebe lässt sich im Mysterium der Ehe finden. Allein ist es schwer, Liebe zu erfahren, Liebe zu erlernen. So stehen uns in der Regel zwei Wege offen, um die Liebe zu erlernen: Entweder ist es die Ehe oder das Mönchtum.

     

    Katharina: Vater, Sie haben doch gerade auch gesagt, Adam und Eva von Gott gesegnet worden sind. Kann man dann sagen, dass ihre Ehe als Mysterium galt?

     

    Vater Paul: In der Tat, das stimmt!

     

    Katharina: Warum brauchen die Menschen dann eine kirchliche Ehe?

     

    Vater Paul: Die Ehe ist tatsächlich das älteste Mysterium dieser Welt. Schon Adam und Eva, die ersten Menschen, wurden von Gott in ihrem Zusammenleben gesegnet. Leider konnten sie nicht ewig in diesem Zustand verweilen, denn wie du sicher weißt, haben sie gegen das einzige ihnen gegebene Gebot verstoßen. Sie haben die Frucht vom Baum der Erkenntnis gekostet und wurden aus dem Paradies vertrieben. Dieses Ereignis ist als Sündenfall bekannt. Da die ersten Menschen sündigten und so der göttlichen Gnade verlustig gingen, bedürfen seither all ihre Nachfahren der gnadenvollen Unterstützung für ihr geistliches Leben. Diese Unterstützung finden sie in den Mysterien der Kirche. Deswegen gibt es auch das kirchliche Mysterium der Ehe.

     

    Katharina: Also, Vater, ich bin nicht so lange in der Kirche. Ich habe zwar von diesem Sündenfall gehört, aber können Sie vielleicht noch ein paar Worte darüber verlieren?

     

    Vater Paul: Lass mich sehen, vielleicht kann ich das so erklären. Durch den Sündenfall ist zwischen Gott und den Menschen, bildlich gesprochen, eine hohe Mauer errichtet worden, die der Mensch nicht aus eigener Kraft überwinden kann. Der Sohn Gottes, Jesus Christus, kam auf die Welt und hat diese Mauer eingerissen. Er hat der Kirche Mysterien geschenkt, in denen den Gläubigen durch den Heiligen Geist die göttliche Gnade für ihr geistliches Leben zukommt.

     

    Katharina: Ich verstehe. Aber ich habe auch schon die nächste Frage, Vater! Wie ist es: Wenn man also hier auf Erden in der Kirche das Mysterium der Ehe an sich vollziehen lässt, dann wird alles im Leben gut ablaufen?

     

    Vater Paul: Du stellt aber komplizierte Fragen. Ich sehe aber, dass ich zwei Aspekte in deiner Frage unterstreichen muss. Zum einen hast du gefragt, ob es den Menschen hier auf Erden gut gehen wird, wenn sie die kirchliche Ehe eingehen. Du musst verstehen, dass die Orthodoxie sich primär um das Heil der Seele bemüht. Wenn du also sagst, dass die Menschen auf Erden glücklich sein werden, so kann ich dir nichts ganz zustimmen. Das Mysterium der Ehe ist ein ewiges Mysterium. Das heißt, es beginnt hier auf Erden, und es bleibt im Jenseits bestehen. Wenn das Mysterium der Ehe, wie ich bereits erwähnte, eine höhere Daseinsform und die nächste Evolutionsstufe der Menschen ist, so kann ich dir bestätigen, dass es auch der Weg in die Ewigkeit ist.

    Zum anderen hast du gefragt, ob die Menschen garantiert zu ihrem Glück auf Erden gelangen können. Ich kann dir sagen, dass man sich unter dem kirchlichen Mysterium keinen magischen Akt vorstellen sollte. Der Priester ist kein Zauberer. Er kann es nicht bewirken, dass die Ehe dann glücklich oder perfekt sein wird. Ich muss nochmal betonen, dass die Menschen in den Mysterien von Gott Unterstützung für ihr geistliches Leben bekommen. Es liegt an den Menschen selbst, diese Unterstützung anzunehmen. Doch die Menschen dürfen keine Glückszauber in der Kirche erwarten.

     

    Katharina: Vater, Sie beziehen sich auf das Alte Testament. Aber wie können Sie das nur tun? Ich sehe da gewisse Widersprüche. Gott segnete den Archetypus der Ehe bei Adam und Eva. Das kann ich nachvollziehen. Aber wie verhält es sich mit der Entwicklung, die danach folgte? Wenn wir uns zum Beispiel Salomo anschauen. Er hatte 300 Frauen und mehr als 1000 Konkubinen. Duldet Gott also auch die Polygamie?

     

    Vater Paul: Auch diese Frage gefällt mir, mein Kind. Gott hat wohl diese vielen Ehen geduldet. Aber ich muss auch betonen, dass Salomo dies in seinem geistlichen Leben geschadet hat. Er ist von Gott abgefallen und wendete sich dem Götzendienst zu. Aber ich will auf deine Frage antworten. Nun, ich erkläre es mir so. Die Zeit des Alten Testaments ist eine schwere Zeit. Andere Zeiten, andere Sitten! Heute hast du bestimmt eine Pflegeversicherung, und auf wenn du keine Kinder hast, so kannst du in der Regel sicher sein, dass in deinem Alter Pflegepersonal finden wird, welches dich unterstützen wird. In der Zeit des Alten Testaments war es nicht so. Die Bildung der Ehe hatte die Geburt von Kindern zum Zweck. Kinder waren sozusagen die Pflegeversicherung. Wenn ein Mann Pech hatte und die eine Frau zeugungsunfähig war, dann war es entsprechend üblich und legitim, eine andere Frau zu heiraten. Doch das ist der materielle Grund. Natürlich hatte die Menschen damals schon eine Vorstellung von einer Erlösung, von einem Messias. Die Geburt der Kinder hatte noch eine weitere Funktion. Unter den Juden gab es die Auffassung, dass wenn die Kinder und die Kindeskinder bis zur Ankunft des Messias leben werden, so auch alle Vorfahren an der Erlösung durch den Messias teilhaben werden.

    Du siehst also, der Akzent lag im Alten Testament auf der Geburt von Kindern. Zur Zeit des Neuen Testaments haben wir eine Verschiebung des Akzents. Dieser liegt nämlich heute auf der Nächstenliebe. Die Ehe ist also vor allem ein Bündnis der Liebe. Ein Bündnis, in welchem das Ehepaar die Gelegenheit bekommt, die Liebe zu erlernen, und zwar nicht nur für das Hier und Jetzt, sondern für die Ewigkeit. Das Ehepaar lernt zu lieben, aus zwei Menschen wird ein Leib. Aber ich schweife schon wieder ab.

    Gut, halten wir also fest. Im Alten Testament galt das Gebot, sich zu mehren, weil die Erde noch nicht bevölkert war. Ich habe gestern nachgeschaut, heute zählt die Erde 7,3 Milliarden Bewohner. Wahrlich, die Zeiten haben sich geändert. Und die Menschen sprechen heutzutage ständig von der Überbevölkerung. Bitte verstehe mich jedoch nicht falsch, ich möchte dich nicht davon abhalten zu heiraten und Kinder zu bekommen. Ich wollte lediglich betonen, dass im Alten Testament der vordergründige Sinn der Ehe die Geburt von Kindern war, im Neuen Testament bedeutet die Ehe die Liebe und Einheit zweier Menschen in Christus, eine Liebe die hier beginnt und ins Jenseits übergeht. Die Geburt der Kinder in der heutigen Ehe ist eine Zugabe, doch es ist nicht das Primärziel.

     

    Katharina: Das hört sich aber für mich eigenartig an. Die Ehe hat nicht die Geburt von Kindern als vordergründigen Sinn. Ich wundere mich, dies von einem orthodoxen Priester zu hören.

     

    Vater Paul: Die Liebe hat als Bestandteil die Geburt der Kinder. Doch die Geburt der Kinder ist nicht notwendig, sie ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist Christus als Grundlage der Beziehung zwischen Mann und Frau. Ich habe da den Paulusbrief an die Epheser im Sinn. Paulus betont, dass Mann und Frau in der Ehe zu einem Leib werden. Wenn wir uns jetzt die Kinder anschauen, so werden uns folgende Wortes, ebenfalls aus dem Epheserbrief, einfallen: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein.

    Du siehst also, dass die Kinder nicht unmittelbar zur Einheit ihrer Eltern gehören. Denn sie verlassen das Haus und gründen ihre eigene Familie, ihre eigene Einheit, die aus Mann und Frau besteht.

     

    Katharina: Vater, jetzt haben wir schon lange über die kirchliche Ehe und das Mysterium der Ehe gesprochen. Wie verhält es sich denn mit solchen Menschen, die in einer Lebenspartnerschaft leben?

     

    Vater Paul: Meine Tochter, das ist ein schweres Thema. Ich möchte, dass du dich in keiner Weise durch meine Worte verletzt fühlst. Es gibt einen Begriff, der diese Arten von Lebenspartnerschaften bezeichnet, der jedoch etwas offensiv ist. In der Regel wird jede Lebenspartnerschaft, die nicht als kirchliche Ehe gilt, als Hurerei bezeichnet. Allerdings wird die gesetzliche Ehe von der Kirche auch akzeptiert. Es könnte jedoch in naher Zukunft zu einem Problem zwischen der Kirche und dem Staat kommen, wenn der Staat die gleichgeschlechtliche Ehe als legitim ansehen wird. Denn die orthodoxe Kirche kann die gleichgeschlechtliche Ehe nicht als Ehe ansehen.

     

    Katharina: Schon wieder ein schwieriger Begriff. Können Sie bitte nochmal die Hurerei etwas näher bestimmen?

     

    Vater Paul: Hurerei liegt vor, wenn Menschen in einem Verhältnis wie in einer Ehe leben, welches de iure und de facto keine ist. Sie können dabei auch Kinder haben. Wenn ihre Ehe jedoch nicht wenigstens standesamtlich geheiratet haben, so gilt ihr Verhältnis als Hurerei. Allerdings kann ich nur wiederholen: Auch wenn ein gleichgeschlechtliches Paar im Standesamt getraut wird, gilt das vor der orthodoxen Kirche nicht als Ehe. Denn nach biblischer Grundlage und christlicher Lehre kann eine Ehe nur zwischen Mann und Frau zustande kommen, unabhängig davon, was der gesellschaftliche Trend vorschreibt.

     

    Katharina: Vater, das achte Gebot sagt, man solle nicht die Ehe brechen. So hörte ich meinen Freund sagen, dass er nicht sündigt, da er weder mit Frauen zusammen ist, die verheiratet sind, noch haben diese Frauen selbst etwas gegen ein uneheliches Verhältnis. Ist diese Partnerschaft ebenfalls Hurerei?

     

    Vater Paul: Die orthodoxen Christen würden auch dieses Phänomen als Hurerei bezeichnen. Denn das Zusammenleben solcher Menschen wird weder durch das Standesamt – und damit die Gesellschaft – noch durch die Kirche als Eheverhältnis bestätigt. Die Orthodoxie möchte die Menschen zur Verantwortung erziehen. Wenn aber die Menschen zusammenkommen und sich keine Pflichten auferlegen, wenn in solchen Beziehungen zu Schwangerschaft kommt oder Kinder geboren werden, das Paar sich für eine Abtreibung entscheidet oder das Kind zur Adoption freigibt, um weiterhin ein ungestörtes Leben im Vergnügen und Leichtsinn zu führen, so ist dies nicht im Sinne der christlichen Lehre.

    Es gibt heute auch einen anderen Trend. Einige Menschen wollen diesen natürlichen Evolutionsschritt nicht beschreiten, sie wollen weder Eltern, noch Großeltern werden. Stattdessen glauben sie an Selbstverwirklichung und permanente Selbstoptimierung. Sie glauben an ihre Karriere. Sie glauben an ihre Arbeit. Sie opfern sehr viel Zeit, Energie und Kraft, um mehr Zahlen auf ihrem Konto zu haben. Dabei ist es ein Fakt, dass wir all das Erworbene nicht mit ins Grab mitnehmen können, und dass die Zahl unserer Tage gering ist. Ich traf Menschen, die sich in einer solchen Teufelsküche befinden. Ein Mensch rechtfertigte sein ungebundenes Verhältnis zu einer Partnerin damit, dass er viel geschäftlich reist. Er rechtfertigt auch das Ausleben seiner fleischlichen Lust mit ihr damit, dass dies natürlich sei. Dabei wollte er von Kindern nichts hören, und der Verantwortung, die damit verbunden ist. Er meinte, er hätte schon genug Verantwortung auf der Arbeit. Damit hat er gar nicht Mal so Unrecht. Doch er ist es selbst, der sich diese Teufelsküche hereinbrachte, und sich selbst von seiner eigenen Entwicklung, von seinem nächsten Evolutionsschritt ausgesperrt hat. Und somit blieb sein uneheliches Verhältnis zu der Frau nicht anderes als Hurerei.

     

    Katharina: Vater, warum beharrt die Kirche so vehement auf dem Eheverhältnis?

     

    Vater Paul: Nun, mein Kind. Du hast womöglich Christus in der Predigt gehört, wie er das Gleichnis von dem Sämann erzählte. Ich möchte dir jetzt die Details noch einmal aufzählen. Der Punkt ist der, dass Christus möchte, dass der Same, den er in uns einpflanzt, seine Früchte bringt. Man kann diesen Samen als Glauben deuten. Man kann aber diesen Samen auch als das Mysterium der Ehe deuten. Gott möchte, dass die Menschen in Christus zusammenkommen, dass diese Menschen eine Ehe schließen, nicht vordergründig dafür, dass ihnen Kinder geboren werden, sondern damit dieser Same, den sie im Mysterium der Ehe erhalten, seine Frucht gibt. Und diese Frucht ist die Liebe, die hier im Diesseits beginnt, und im Jenseits nicht aufhört. Vielmehr ist die Frucht des Samens, der im Mysterium der Ehe den Gläubigen Christen gespendet wird, eine ewige Liebe, die bereits hier auf Erden von den Gläubigen wahrgenommen werden kann. Wenn also die Kirche sich so vehement für das Eheverhältnis einsetzt, so doch aus dem Grunde der Fürsorge um die Herde Christi.

     

    Katharina: Jetzt sind wir erneut auf das Mysterium der Ehe als einen Gottesdienst zu sprechen gekommen. War denn wirklich ein Gottesdienst notwendig? Ich meine, Adam und Eva wurden einfach von Gott gesegnet und das war es.

     

    Vater Paul: Das ist eine interessante Frage, meine Tochter. Diese Frage richtet sich auf den Ursprung des Mysteriums der Ehe. Sie betrifft auch die Funktion der Kirche bei der kirchlichen Eheschließung. Du musst wissen, lange Zeit war die Eheschließung das Geschäft des Staates. Dies ist immer noch der Fall. Wobei die orthodoxe Kirche die staatliche Eheschließung begrüßt. Bis ins 9. Jahrhundert war also die Eheschließung das Geschäft des Staates. Danach hat der Staat der Kirche diese Verantwortung übertragen. Und so ging es eine Weile hin und her. Bis schließlich der Staat seine Funktion erfüllte, die Kirche aber nur die kirchliche Eheschließung übernahm, und zwar nur der Personen, die im orthodoxen Glauben getauft sind, und wenn sie bereits die standesamtliche Ehe vollzogen haben.

     

    Katharina: Ja, das ist mir bekannt. Aber wenn die Kirche die staatliche Ehe begrüßt und akzeptiert, wozu brauchen die Gläubigen dann die kirchliche Ehe?

     

    Vater Paul: Die kirchliche Eheschließung ist, wie ich bereits sagte, ein Mysterium, in dem Gott die getauften Gläubigen für ihr gemeinsames Leben segnet und sie bei ihrem gemeinsamen Leben unterstützt. Gläubige können zwar eine standesamtliche Ehe eingehen, doch dadurch gleichen sie noch immer ungläubigen Bürgern. Im Mysterium der Ehe legen sie ihr Versprechen nicht vor dem Staat und der Gesellschaft ab, sondern vor Gott. Ein Versprechen vor dem Staat kann zurückgenommen werden, eines, das vor Gott geleistet wurde, jedoch nicht.

     

    Katharina: Wie? Das ist mir neu! Ich dachte, in der orthodoxen Kirche kann man bis zu drei Mal kirchlich heiraten?

     

    Vater Paul: Aus Nachsicht gegenüber menschlicher Schwäche duldet die Kirche das in Ausnahmefällen. Doch eigentlich heißt es, dass die Ehe unauflösbar ist; eine Einheit in Christus ist unauflösbar. Und es gibt natürlich Unterschiede im Gottesdienst der ersten, zweiten und der dritten Trauung. Und rechtlich gesehen löst die Kirche die Ehe nicht auf, sie stellt lediglich die Tatsache fest, dass die Ehe nicht besteht.

     

    Katharina: Wenn die Kirche sich so stark für die Ehe einsetzt, wie kann sie dann den Gläubigen erlauben, sich zu scheiden. In der katholischen Kirche hingegen ist der Ehebund unauflösbar, und diese Kirche achtet sehr darauf, dass die es auch so bleibt.

     

    Vater Paul: Ich wollte an dieser Stelle keine vergleichende, noch polemische Theologie betreiben. Ich kann nur sagen, wie es in der orthodoxen Kirche ist. Innerhalb der Ehe kann es zu Veränderung kommen. In der Ehe kann es zur Gewalt, zum Ehebruch, zu psychischen Störungen eines Partners kommen. Diese Dinge kann man nicht vorhersehen. Wenn diese Fälle, ihnen ähnliche oder andere, die das Eheleben zerstören, vorkommen, so wird eine Trennung seitens der Kirche gebilligt. Doch ich muss betonen, dass auch in der orthodoxen Kirche keine Auflösung der Ehe vollzogen wird. Die orthodoxe Kirche stellt lediglich die Tatsache fest, dass die Ehe nicht besteht.

     

    Katharina: Vater, wie ist es in den Fällen, wo der eine Partner ungläubig ist?

     

    Vater Paul: Die orthodoxe Kirche versteht, wie bereits gesagt, die Ehe als ein Mysterium des gemeinsamen Lebens in Christus. Das muss in gewissem Maße auch für solche Ehen gelten, bei denen einer der Partner nicht gläubig ist. Hier ahnst du bestimmt bereits, welche Schwierigkeiten das mit sich bringen kann. Deshalb muss man sich als Gläubiger schon sehr sicher sein, Für und Wider abwägen, wenn man sich für die Ehe mit einem nicht gläubigen Partner entscheidet. Aber die orthodoxe Kirche verbietet eine solche Ehe natürlich nicht. Die Liebe ist auch mit Nicht-Orthodoxen oder „Ungläubigen“ etwas ziemlich Erhabenes und Würdiges.

     

    Katharina: Vater, Sie haben nun oft solche Begriffe erwähnt wie Hurerei, fleischliche Lust. Ich habe das Gefühl, die Kirche möchte sich oft in Schweigen hüllen, wenn es um Sex geht. Sie gehen relativ frei damit um.

     

    Vater Paul: Das stimmt, liebes Kind. Meine Kollegen sind zu einem großen Teil Mönche. Auch die ganze Literatur der Kirchenlehrer und Asketen spricht zu einem großen Teil abwertend über Sexualität. Nun, an dieser Überlieferung lässt sich nichts ändern. Doch wir können versuchen, über dieses Thema zu sprechen. Lange Zeit galt bei den Menschen das Mönchtum als das Ideal. Und ich muss sagen, es finden sich auch heute noch Priester, die von dieser Lebensweise schwärmen, obschon sie in der Welt und nicht in einem Kloster leben. Es gab auch in einigen Ländern, bei denen der orthodoxe Glaube im Ansehen stand, die als fromm geltende Sitte, sich vor dem Tod  zum Mönch weihen zu lassen. Das ist absoluter Irrsinn. Man empfängt die Mönchsweihe, um in einer Mönchsgemeinschaft zu leben, und nicht um zu sterben. Somit hat die Mönchsweihe unmittelbar vor dem Tod keinerlei Funktion und entbehrt jeglichen Sinn. Außerdem ist die Mönchsweihe kein Mysterium. Die Ehe hingegen schon. Darum frage ich mich: Wie kann etwas, das kein Mysterium ist, ein Ideal sein? Wenn sich also einer vor dem Tod zum Mönch weihen lässt, so ist offensichtlich, dass er Wert auf Äußerlichkeit legt.

    Aber ich bin irgendwie vom Thema abgewichen, tut mir leid. Also, wo waren wir: Ja, es ist tatsächlich so, dass in der orthodoxen Literatur die Sexualität verpönt wird. Auch die Geistlichen umschiffen gern das Thema und wollen die direkte Konfrontation damit vermeiden. Doch das ist keine Lösung, zumal die Sexualität als Marketing für Konsumgüter allgegenwärtig ist. Daher sehe ich es als meine Aufgabe, über die Sexualität zu sprechen und die orthodoxe Sicht darauf zu vorzustellen, anstatt meine Herde im Ungewissen zu lassen. Wenn ich als Geistlicher dieses Thema nicht beleuchten werde, wird es oft so geschehen, wie es immer  geschieht - wenn nämlich die heiligen Väter darüber schweigen, so wird jeder das tun, was er für das richtige hält. Es müssen bestimmte Rahmen vorgegeben werden, sonst denken die Menschen vielleicht, die Kirche habe Angst vor diesem Thema. Es gibt die irrige Meinung – sie hat ihre Wurzeln im Gnostizismus, und nicht wenige Väter haben sich davon infizieren lassen – dass der Leib etwas Unreines sei; er sei Leid, Schmerz, und man müsse ihn überwinden. Daraus folgt, dass Sex Sünde sei, und dass der Geschlechtsverkehr ausschließlich zur Kinderzeugung bestimmt sei. Ein bekannter Vertreter dieser Position ist der selige Augustinus von Hippo. Man kann seine Position eigentlich verstehen. Er war jung und führte ein sexuell ausschweifendes und zügelloses Leben. Als er sich zum Christentum bekehrte, erlebte er eine Wende. Und wie es oft der Fall ist, neigt man dann zur Übertreibung, und so wurde Augustinus nicht nur Mönch, sondern zu einem eloquenten Verteidiger der Keuschheit. Nun, diese Auffassung ist nicht christlich. Christus hat den Leib angenommen, also kann der Leib nicht unrein sein. Der Leib wird mit auferstehen, also kann er nicht Schmutz sein. Diesbezüglich gab es auch kirchliche Konzilien, die bestätigten, dass Christus den Leib ohne Sünde annahm, dass er die Auferstehung im Leib erlebte, leiblich in den Himmel auffuhr und den Leib vergöttlichte. Der Leib soll nicht überwunden werden.

     

    Katharina: Soll das heißen, dass die Kirche die Sexualität begrüßt?

     

    Vater Paul: Ja, das tut sie. Aber denke daran, wir sprechen von der Sexualität in der Ehe. Denn außerhalb der Ehe, darüber haben wir schon gesprochen, heißt es Hurerei. Und das ist eine Sünde.

    Wenn also in der Bibel steht, dass Adam Eva erkannte, oder es trennt sich der Mann von seiner Mutter und seinem Vater und verbindet sich mit seiner Frau, und diese werden ein Leib sein, so ist die Rede unter anderem auch von Sexualität. Das lässt sich nicht leugnen.

     

    Katharina: Kann man also sagen, dass wenn Menschen über Liebe in der Ehe sprechen, sie dann Sex meinen?

     

    Vater Paul: Oh, da sprichst du ein ganz anderes Problem an. Denn heutzutage ist das amouröse Vokabular sogar in der Wirtschaft präsent. Menschen sagen zum Beispiel, dass sie ihre Computer oder Smartphones lieben. Die Amerikaner gehen sehr verschwenderisch mit dem Wort Liebe um. Sie sagen auch, dass sie Kaffee lieben. Doch wenn wir von Liebe in einer orthodoxen Ehe sprechen, dann meinen wir etwas anderes als banale Liebeserweise an jegliche materiellen oder immateriellen Gegenstände, die uns gerade in den Sinn kommen.

    Du hast zum Teil Recht. Liebe als Sex gehört in eine orthodoxe Ehe, doch Sex ist nicht das Einzige, was die Liebe in einer orthodoxen Ehe ausmacht. Wir müssen also unterscheiden zwischen der Liebe, die Sex meint, und der christliche Liebe, die Apostel Paulus wie folgt definiert: „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig, sie neidet nicht, die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf, sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet Böses nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit; sondern sie freut sich mit der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles. Die Liebe vergeht niemals; [...]“ (1Kor 13,4-8). Dieser Abschnitt wird übrigens bei der kirchlichen Trauung vorgelesen.

     

    Katharina: Vater, sie wollen wirklich behaupten, dass Gott Sexualität begrüßt?

     

    Vater Paul: Ich sehe, dass auch du deine Schwierigkeiten mit diesem Gedanken hast. Aber wir müssen die Dinge so hinnehmen, wie sie tatsächlich sind. Denn auch du, mein Kind, bist ein Produkt sexueller Begierde deiner Eltern.

    Es ist auch eine Schande, dass einige Priester einem getrauten Ehepaar die Kommunion verweigern, weil die Hochzeitsnacht und die damit verbundene sexuelle Begierde bevorsteht. Das hieße also, dass Gott ihre Ehe gesegnet hat, der Priester aber nicht. Ein solches Verhalten ist inakzeptabel.

     

    Katharina: Sie wollen also sagen, dass Sex den orthodoxen Christen immer erlaubt ist.

     

    Vater Paul: Das habe ich nicht gesagt. Du hast ja bereits erfahren, dass die orthodoxe Kirche mehr als zwei Drittel des Jahres fastet. Nun, zum Fasten gehört auch der Verzicht auf Sexualität. Das Ehepaar verzichtet im gemeinsamen Einverständnis auf sexuelle Liebe. Die Eheleute ziehen sich für eine Weile zurück, üben sich im Fasten und Beten. Aber auch hier muss ich betonen, dass man nicht, wie Augustinus, ins Extreme verfallen sollte. Wenn man zu streng fastet, kann man leichter einer Versuchung erlegen. Die orthodoxe Kirche billigt besonnene Liebe in der Ehe. Das heißt: Keine absolute Enthaltsamkeit und keine Maßlosigkeit.

     

    Katharina: Ich verstehe. Was mir allerdings noch mysteriös erscheint, ist, dass in dieser Vorstellung Mann und Frau zu einem Leib werden.

     

    Vater Paul: Ja, deswegen heißt es auch ein Mysterium. Du musst wissen, ich war auch mal verheiratet. Und zum ersten Mal habe ich die Idee von „einem Leib“ verstanden, als ich mir bewusst wurde, dass ich keine Entscheidung allein treffen durfte, ohne meinen Ehegattin gefragt zu haben. Denn wenn ich mit meiner Ehegattin ein Leib bin, wie kann ich meinen eigenen Leib bei einer wichtigen Lebensentscheidung ignorieren.

    Ferner finden sich in der Bibel die Aussage, dass unsere Leiber nicht uns gehören. Wenn also Mann und Frau in der Ehe zusammenkommen, so gehört der Leib des Mannes der Frau, und umgekehrt.

    Vielleicht klingt das zu abstrakt. Daher lass uns lieber zum ersten Beispiel zurückkehren, denn das betrifft mich selbst, und man erzählt meist aus eigener Erfahrung am besten. Mir ist bewusst geworden, dass ich ab einem bestimmten Punkt keine Entscheidung mehr allein treffen würde. Wenn ich also einen Job suchen würde, so müsste ich diesen in unmittelbarer Nähe unserer gemeinsamen Wohnung suchen, damit ich in der Nähe meiner Frau bin. Wenn ich den Wunsch hätte, mir ein neues Auto zuzulegen, so müsste ich zuerst abwägen, ob das Geld für unsere Familie und besonders für unsere Kinder reicht. Das heißt, ich musste ständig mein Gewissen konsultieren und mich fragen, ob ich bei gewissen Entscheidungen nicht meinen „Leib“, d. h. meine Frau, vernachlässige, ob ich mich nicht zu egoistisch verhalte und meiner Frau mit mir selbst betrüge. Bei Paulus (1Kor 7,3-5) steht auch, dass keiner seinen Leib hasst und ihn vernachlässigt. Man muss sich also in der Ehe bewusst sein, dass der  Ehepartner zum eigenen Leib wird, und du wirst wohl zustimmen, dass auch du deinen Leib weder vernachlässigen, noch hassen würdest.

     

    Katharina: Vater, das ist wirklich ein einleuchtender Gedanke. Doch da Sie das ganze – oder erscheint es mir lediglich so? – etwas düster dargestellt haben, also man sich eine Zwangsjacke aufsetzen lässt, erinnert mich das an die Worte von Woody Allen: Menschen heiraten, damit sie zusammen Probleme lösen, die sie vorher nicht hatten.

     

    Vater Paul: Du bist lustig, meine Tochter. Vielleicht habe ich das ganze tatsächlich etwas düster dargestellt. Vielleicht betrachten wir die Ehe mal von einer anderen Seite. Was fällt dir zur Ehe ein? Wie hast du denn die Ehe deiner Eltern erlebt?

     

    Katharina: Nun, ich war ein Einzelkind. Meine Eltern waren Helikopter-Eltern. Ich wurde gedrillt, geschlagen und dressiert. Es zählten Noten, Erfolg und Ansehen. Vom Glauben habe ich wenig mitbekommen. Doch Sie haben wohl Recht, was Verantwortung betrifft. Es gab Probleme in der Ehe meiner Eltern. Allerdings waren meine Eltern bemüht, solche Entscheidung zu treffen, die für alle Mitglieder der Familie am günstigsten waren. Mein Vater hat wohl in den ersten Ehejahren zuweilen eigennützig gehandelt. Aber allmählich hat er sich verändert und oft die Interessen der Familie vor die eigenen gestellt. Meinen Sie das, Vater?

     

    Vater Paul: Das ist schon mal ein guter Ansatz. Doch bei einer atheistischen Familie muss man natürlich nach der Motivation deines Vaters fragen. Ich denke, dass in einer orthodoxen Familie vieles um Christi willen geschieht. So gibt es auch bei den orthodoxen Christen die fromme Sitte, dass wenn man ihnen für etwas dankt, sie antworten: "Gott zu Ehren!". Das ist auch eine Art Demutsgeste. Man möchte sich nicht das Gute zuschreiben, sondern allein Gott.

    Ich muss jedoch betonen, um auf den Spruch von Woody Allen zurückzukommen, dass es in der Ehe nicht nur Probleme gibt. Jede Lebensform, sei sie Ehe oder Mönchtum, hat ihre Vor- und Nachteile. Man muss nur mutig sein und in dem feststehen, wofür man sich entschieden hat. Wenn man wie Woody Allen nur Probleme in der Ehe sieht, so liegt es daran, dass Woody Allen die Ehe nicht anders erfahren hat.

     

    Katharina: Vater, das Thema Sexualität haben wir berührt. Und ich habe verstanden, dass es nun auch in der orthodoxen Ehe erlaubt ist. Doch was genau ist erlaubt?

     

    Vater Paul: Mein Kind, ich kann dir nicht vorschreiben, was du in deinem Schlafzimmer machen sollst. Es gibt einen Witz. Vielleicht kann ich ihn an dieser Stelle erzählen, weil deine Frage mich daran erinnert. Es kamen Missionare zu den afrikanischen Einwohnern. Nachdem die Missionierung und die Taufe abgeschlossen waren, fragten die Eingeborenen, was nun beim Sex erlaubt wäre. Da meinten die Missionare: Natürlich, die Missionarsstellung.

     

    Katharina: Sehr witzig, Vater.

     

    Vater Paul: Spaß muss sein. Das wussten auch die heiligen Väter. Gut, jetzt mal Ernst. Ich denke, es gibt tatsächlich gewisse Kriterien, die wir ausfindig machen können, die zeigen werden, wie die Kirche zur Sexualität steht. Ich habe bereits einige Punkte angesprochen. Die Eheleute sollten Maßlosigkeit meiden, das zum einen, und zum anderen sollten sie gleichzeitig das Fasten nicht vergessen. Ferner denke ich, dass sexuelle Begierde nicht verboten ist, doch wenn dadurch Kinder gezeugt werden, so ist es eine Gabe Gottes und man darf sie nicht ablehnen. Das ist einer der Gründe, weshalb die Kirche vehement gegen die Abtreibung ist. Aber auch wenn die Eheleute absichtlich keine Kinder zeugen wollen, heißt das nichts anderes, dass sie dem Genuss und der Begierde verfallen sind.

     

    Katharina: Also, darf man nicht verhüten?!

     

    Vater Paul: Das habe ich nicht gesagt. Hier ist unsere Kirche nachsichtig. Ich möchte jedoch verdeutlichen, dass auch hier die Eheleute auf sich selbst angewiesen sind und verantwortungsvoll mit Verhütungsmitteln umgehen sollten.

     

    Katharina: Geben sie da nicht widersprüchliche Aussagen von sich, Vater?

     

    Vater Paul: Das hört sich vielleicht so an. Doch schau, mein Kind. Wir wissen beide, dass Menschen schwach sind in Bezug auf ihre Leidenschaften. Wir wissen auch, dass die Menschen die Verhütungsmittel benutzen werden. Wenn ich also sage, dass die Menschen die Verhütungsmittel benutzen sollen, so sage ich gleichzeitig, dass sie auch daran denken sollten, dass der sexuellen Akt nicht nur zu ihrem Vergnügen dient, sondern auch zur Kinderzeugung.

     

    Katharina: Warum überlässt man hier die Verantwortung den Eheleuten? Kann die Kirche das nicht durch Satzung festlegen?

     

    Vater Paul: Das wäre verheerend. Ich kenne ein Beispiel aus meiner Priesterpraxis, welches ich dir kundtun möchte, da du auch ein Neophyt bist, und der Mensch aus meiner Geschichte war auch einer.

    Einst kam in meine Gemeinde ein junger Mann. Ich habe erfahren, dass er sechs Kinder hatte, und er war in Sorge, denn seine Frau war wieder schwanger. Er konnte jedoch die Familie nicht ernähren. Abtreiben kam nicht in Frage. Wir haben für ihn natürlich Hilfe besorgt. Später habe ich erfahren, dass ein Geistlicher ihm gesagt hatte, dass Verhütungsmittel in der Orthodoxie ein Tabu seien. Das war natürlich falsch. Dieser Mann trug also wegen falscher Information die Last der Ernährung von sieben Kindern.

    Allerdings muss man auch die Verhütungsmittel differenzieren. Wenn diese bleibenden Schaden hinterlassen oder zeugungsunfähig machen, dann sollte man diese nicht benutzen[1].

     

    Katharina: Ich denke noch immer an das Mönchtum. Vater, und ich muss ganz ehrlich sagen, es scheint mir etwas unnatürlich zu sein. Denn Gott sagte doch, dass die Menschen sich mehren sollten. Und die Mönche erfüllen damit das Gebot Gottes nicht, indem sie sich sowohl aus der Welt als auch vor den Frauen zurückziehen.

     

    Vater Paul: Auf den ersten Blick mag es vielleicht so scheinen. Doch wenn wir genauer schauen, so leben die Mönche in einer Klostergemeinschaft. Diese Klostergemeinschaft ähnelt sehr stark einer Familie. Die Kinder gehorchen ihren Eltern in der Familie. Die Novizen, das sind die jüngeren oder die neuen Mönche, haben dem Abt, das ist der Vorsteher des Klosters, zu gehorchen. Die Kinder gehorchen ihren Eltern freiwillig. Die Novizen entscheiden sich freiwillig, dem Abt zu gehorchen. Die Kinder werden erzogen und erlange irgendwann die Reife, um das Haus zu verlassen und ihre eigene Familie zu gründen. Die Novizen werden ebenfalls vom Abt erzogen und erlangen ihre geistliche Reife, aus geistlichen Schülern werden dann geistliche Lehrer, die fähig sind, die neuen Novizen den Weg der Erlösung zu lehren. So werden aus Novizen mit der Zeit Mönche, dann Priester und aus manchen werden sogar erfahren Seelenführer und Äbte.

     

    Katharina: Doch wie verhält es sich mit der Liebe bei den Mönchen?

     

    Vater Paul: Von sexueller Liebe bei den Mönchen brauchen wir nicht zu reden. Die Mönche legen drei Gelübde ab. Das Gelübde des Gehorsams gegenüber dem Abt beziehungsweise Bischof, das Gelübde der Armut und natürlich das Gelübde der Keuschheit. Sie entscheiden sich freiwillig dazu, auf körperlichen Kontakt zu verzichten. Doch sie können die christliche Liebe im Kloster praktizieren. Indem sie zum Beispiel dem Abt gehorchen, üben sie die Nächstenliebe. Und das ist ihr Weg der Erlösung. Menschen kommen zu ihnen und bitten um Gebet. Sie beten und praktizieren somit Nächstenliebe. Du siehst, auch innerhalb der Klostermauern können die Mönche die Nächstenliebe lernen.

     

    Katharina: Aber Vater, ist es nicht unnatürlich, sich so lange zu enthalten? Sie haben doch selbst gesagt, dass wenn man sich zu lange enthält, der Teufel einen versuchen wird.

     

    Vater Paul: Gut aufgepasst, meine Tochter. Ich habe es nicht genau so gesagt, aber du scheint bei der Apostellesung gut aufgepasst zu haben und zitierst den Apostel Paulus. Wenn du schon die Bibel angesprochen hast, so will ich dir auch mit deren Worten erwidern. Manchen ist es gegeben, manchen nicht. Manche Menschen können sich einfach enthalten, ohne an Sexualität zu denken. Schließlich kannst du nicht erwarten, dass alle Menschen gleich sind.

    Falls du aber eine wissenschaftliche Antwort haben möchtest, habe ich auch unter den Ärzten verschiedene Position vernehmen können. Die einen sagen, dass es für einen Mann wichtig wäre, jede Woche mehrmals Geschlechtsverkehr zu haben. Die anderen entgegnen, dass es überflüssig ist, weil die Natur sowieso ihr Werk tun wird.

     

    Katharina: Und wie verhält es sich mit den Menschen, die zwar in der Welt leben, jedoch nicht heiraten wollen?

     

    Vater Paul: Ich kann keine eindeutige Antwort darauf geben, liebes Kind. Denn wir müssen auch die Motivation dieser Menschen untersuchen. Angenommen, ein Mann möchte aus irgendwelchen, wie er meint, asketischen Gründen keinen Kontakt zu Frauen haben. Das führt ihn dazu, dass er sich soweit in seiner Verirrung festigt, dass er sich vor der Ehe ekelt. Das ist unnatürlich. Der Ekel vor dem, was Gott gesegnet hat, ist eine Sünde. Ekel vor der Ehe ist aber auch gleichzeitig der Ekel vor Menschen. Dieser Ekel zeugt von einem Mangel an Menschenliebe und Nächstenliebe. Der Mangel an Menschenliebe kann zum Menschenhass führen. Der Menschenhass wiederum führt dazu, dass der Mensch sich auch vor der Zeugung von Kindern ekelt. Und das zeugt schon von einer ungesunden Einstellung zu der Schöpfung Gottes.

     

    Katharina: Vater, doch wie ist es mit den Mönchen? Auf sie trifft das Gesagte doch auch zu.

     

    Vater Paul: Da müssen wir aufpassen. Ein Menschenhasser wird in einer Klostergemeinschaft auch nicht zurechtkommen. Er wird scheitern. Schau, mein Kind. In der Welt suchst du dir den Partner selbst aus. In der Klostergemeinschaft kommen die Novizen mit den Mönchen in einer Gemeinschaft zusammen und müssen miteinander leben. Oft ist auch so, dass keiner von ihnen den anderen zuvor kannte. Das heißt, sie müssen lernen, ihre Nächsten, also die anderen Mönche zu lieben, ohne dass sie sich als Gefährten ausgesucht haben. Das ist eine viel größere Last. Ein Menschenhasser wird in solcher Lebensgemeinschaft definitiv scheitern.

     

    Katharina: Ich erkenne langsam, dass sowohl die Ehe als auch das Mönchtum eine große Verantwortung mit sich bringen. Ganz gleich, wofür man sich als orthodoxer Christ entscheidet, das Verantwortungsbewusstsein hat eine große Bedeutung in unserem Leben.

     

    Vater Paul: Das hast du richtig erkannt. Es gibt das schöne Wort im Matthäusevangelium (Mt 11,12), dass das Himmelreich nur mit Anstrengung eingenommen werden kann[2]. Das heißt, dass man sehr große Anstrengungen aufbringen muss, um die Erlösung zu erlangen. Diese Worte kann man auch auf Ehe und das Mönchtum beziehen. Zwei Institutionen sind den orthodoxen Christen gegeben, durch welche man die Erlösung erlangen kann. Diese Institution fordern Anstrengungen und Verantwortung. Diese Institutionen sind vergleichbar mit dem geistlichen Kampf der Märtyrer.

     

    Katharina: Vater, ich habe neulich im bei der Apostellesung die Worte gehört, dass man sich um die Reinheit des Leibes kümmern sollte. Meint dies die körperliche Hygiene?

     

    Vater Paul: Nicht nur. Die Christen sind sich sicher, dass unser Leib der Tempel Gottes ist. Wenn wir sündigen, so verunreinigen wir unsere Seele, und unser Leib wird dadurch zu einer Wohnung für unreine Geister. Die schlimmsten Sünden sind der Stolz und die Hurerei, die ich schon heute erwähnt habe. Wenn der Mensch hurt, so wird sein Leib zu einer Hure, und damit unrein. Wenn also die Ehe ein Mysterium ist, so ist die Hurerei, die Nicht-Ehe, ein Antimysterium, das unsere Seele zerstört. Der Mensch wird in einer Art Tier verwandelt.

     

    Katharina: Vater, sie haben gesagt, die Hurerei ist eine wirklich schlimme Sünde. Gibt es eine, die ihr ähnelt?

     

    Vater Paul: Ich habe gesagt, dass es im Christentum zwei sehr schlimme Sünden gibt: Stolz und Hurerei. Man muss jedoch sagen, dass der Ehebruch sehr stark der Hurerei ähnelt. Denn er hat die gleiche Wirkung. Den Ehebruch kannst du auch als Un-Ehe, als Antimysterium bezeichnen. Er zerstört die menschliche Seele. Und was noch hinzukommt, ist der Verrat. Das ist ein Verrat nicht nur am geliebten Menschen, sondern auch an Gott, dem man auch versprochen hat, seinem Partner treu zu sein.

     

    Katharina: Es fällt mir schwer, Vater, das anzuerkennen. Schließlich sehe ich das, was sie als Hurerei bezeichnen, täglich in meinem Freundeskreis, und ich kann nicht sagen, dass die Seele dieser Menschen zerstört wird. Ihnen geht es gut, manchen sogar sehr gut, und sie genießen das Leben.

     

    Vater Paul: Nun, Katharina, psychische Krankheiten können über Jahre hinweg von den Außenstehenden nicht wahrgenommen, von den Betroffenen selbst verdrängt werden. Ein depressiver Mensch zum Beispiel kämpft jahrelang mit seiner Depression, doch der Gesellschaft bietet er eine zufriedene, glückliche Maske seiner selbst dar. Es kann auch sein, dass ein Suizidgefährdeterkeine äußerlichen Symptome erkennen lässt, bis es zu spät ist. Wenn also keine Symptomatik der geistigen Krankheit vorliegt, wenn die Diagnostik noch kein geistiges Leiden ausfindig machen konnte, heißt es noch lange nicht, dass keine geistige Krankheit gegeben ist. Heute kann man auch das Leiden beobachten, dass gewisse Menschen den äußeren Schein eines glücklichen Menschen wahren wollen. Doch es ist unklar, ob sie auch innerlich glücklich sind. Die sozialen Medien können den Menschen dabei unterstützen, ein Image nach außen zu präsentieren, das nicht der Wahrheit entspricht.

     

    Katharina: Ich bin noch immer unsicher, Vater, ob ihre Erklärung meine ungläubigen Freunde überzeugen würde. Wenn ich nicht gläubig wäre, könnte ich ihren Worten keinen Glauben schenken.

     

    Vater Paul: Und da hast du zum Teil recht. Denn außerhalb des kirchlichen Kontextes, ohne die christliche Anthropologie kann man nur schlecht erklären, warum  die Hurerei verboten ist. Jede Form der unehelichen Zusammenkunft von Gläubigen, die Sexualität mit einschließt, ist aus orthodoxer Sicht eine Sünde. Dieser Aspekt kann und darf nicht relativiert werden.

    Doch warum solltest du auch deine Freunde belehren, die dir nicht zuhören wollen? Jesus sagt in einer Allegorie, dass man keine Perlen vor die Säue werfen sollte (Mt 7,6). Klingt ein wenig offensiv. Aber das heißt im Prinzip, dass man jene nicht belehren sollte, die einen weder gefragt haben, noch solche, bei denen man davon ausgehen kann, dass sie sich über die Belehrung lustig machen werden. Der Apostel Petrus sagt auch an einer Stelle, dass man als Christ bereit sein sollte, wenn man befragt wird, über seinen Glauben Auskunft zu geben.

     

    Katharina: Doch ist es nicht meine Pflicht, meine Freunde über das Richtige aufzuklären?

     

    Vater Paul: Ich frage mich, ob es deine Aufgabe ist. Natürlich sollte man sich um seine Mitmenschen sorgen. Aber man muss aufpassen, vielleicht wollen deine Freunde nichts über die orthodoxe Auffassung von der Ehe hören. Man muss ein gewisses Feingefühl dafür entwickeln. Also nur dann belehren, wie Jesus und Apostel Petrus sagen, wenn man tatsächlich gefragt wird, und sich nicht aufdrängen. Man sollte aber auch seine Freunde nicht verurteilen. Sie sündigen vielleicht auch aus Unwissenheit.

     

    Katharina: Doch ich habe auch solche Freunde, die behaupten, die standesamtliche Ehe sei ein Instrument der Bürokratie.

     

    Vater Paul: Man kann aber diese Behauptung als eine Ausrede deuten, die verdeutlicht, dass die Betreffenden Angst vor Verantwortung haben, die eine Ehe mit sich bringt.

     

    Katharina: Und wie es mit meinen homosexuellen Freunden. Sind sie verdammt? Gibt es für sie kein Heil?

     

    Vater Paul: Das kann man nicht sagen. Gott schließt keine Menschen vor der Erlösung aus. Gott ist vergleichbar mit dem Vater, der stets bereits ist seinen verlorenen Sohn wieder aufzunehmen. Der Schlüssel zur Erlösung für diese Menschen ist eindeutig die Umkehr und Reue.

     

    Katharina: Manche von meinen Freunden sagen auch, dass es wichtig ist, sich vor der Ehe gründlich kennenzulernen, sonst läuft man Gefahr, nicht den richtigen Partner gefunden zu haben. Damit meinen sie auch die sexuelle Beziehung.

     

    Vater Paul: Das ist die typische zeitgenössische Praxis, die jedoch nicht mit der orthodoxen Lehre übereinstimmt. Solche „Probefahrten“ vor der Ehe sieht die orthodoxe Kirche nicht vor. Die Ehe beginnt für zwei Menschen schon dann, wenn sie den Entschluss fassen, zusammen zu sein, ganz gleich, was auch kommen mag. Solche "Probefahrten" implizieren, dass einer oder beide Partner sich nicht sicher sind, und bei Nichtgefallen einander einfach verlassen, um das Glück woanders zu versuchen. Wenn sie also nicht sicher sind, warum sollte sie überhaupt zusammenkommen? Eine solche "Probefahrt" gründet auf hedonistischem Gedankengut. In einer Konsumgesellschaft wird der Mensch zur Ware. Wenn ein Partner nicht passt, so sucht man sich einen anderen. Solche Hedonisten suchen nur das Glück in der Ehe. Das ist aber ein Irrtum. Die Ehe bedeutet Selbstaufopferung, Kampf, auch Selbstverleugnung. Damit können diese Menschen nicht umgehen, deswegen kneifen sie. Solche Hedonisten können ihr Leben lang nach dem „richtigen“ Partner suchen, nach romantischen Erlebnissen. Doch oft zeigt der Ernst des Lebens, dass die Romantik sehr schnell verfliegt, und der Abwasch täglich gemacht werden muss. Dadurch werden die Hedonisten überfordert und werfen ihrem Partner Unverständnis vor.

    Die Menschen sind nicht nur animalische Wesen, sondern auch rationale. Man darf sich heute nicht von dem Herdendenken leiten lassen. Wenn alle es tun, wie du sagt, dann muss es nicht heißen, dass es richtig ist. Es kann auch bedeuten, dass die Mehrheit einen Irrweg eingeschlagen hat. Wenn die Enthaltsamkeit vor der Ehe zu einen so exklusiven Phänomen geworden ist, dann ist es doch umso lobenswerter, weil man dieser christlichen Tugend treu bleibt; dann ist es umso lobenswerter, weil man gegen den Strom schwimmt. Mangelnde Enthaltsamkeit ist einer der Gründe, aus denen Gott sich vom Menschen abwendet. Der Mensch ist dann vergleichbar mit einem unreinen Gefäß, in dem der Geist Gottes nicht wohnen wird.

     

    Katharina: Kann man  sein Leben lang Enthaltsamkeit bewahren?

     

    Vater Paul: Ich schließe es nicht aus. Auch heute ist das in der Welt möglich. Doch nach orthodoxer Auffassung empfiehlt sich dazu in der Regel ein Kloster. Nicht allen ist das jedoch zugänglich, wie Christus (Mt 19,12) und ebenso der Apostel Paulus (1Kor 7,26) bemerken. Das Mönchtum war jedoch nicht immer die Norm. Es ist eher eine Ausnahme für solche Menschen, die ihr Leben voll und ganz Gott widmen wollen.

    Gefährlich ist auch ein anderes Extrem. Dieses gehört in den Bereich der Hyperorthodoxie. Hierbei entschließt sich ein Partner ohne Zustimmung des anderen dazu, Distanz in der Ehe einzunehmen, sich aus vorgeblich asketischen Gründen zu enthalten. Er missachtet die Bedürfnisse des Ehepartners, dem er versprochen hat, gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Das ist Egoismus und Respektlosigkeit. Dies kann zur Zerstörung der Ehe führen.

     

    Katharina: Aber wie ist es denn mit Eheleuten, können sie die Enthaltsamkeit üben?

     

    Vater Paul: Die Eheleute können auf jeden Fall die Enthaltsamkeit bewahren. Die eheliche Keuschheit lässt sich zerstörten, wenn sich die Eheleute überwiegend ihren Trieben hingeben, diese Triebe kultivieren und sich in ihren Dienst stellen. Die Maßlosigkeit führt in der Ehe zum Zerfall der Persönlichkeit. Die Maßlosigkeit ist ja das gerade Gegenteil der Keuschheit.

     

    Katharina: Vater, sie müssen wissen, ich plane gern etwas im Voraus. Ich plane, in Zukunft Kinder zu haben. Doch wenn ich über die Gesellschaft nachdenke, so habe ich etwas Angst, wie meine Kinder hier heranwachsen sollen.

     

    Vater Paul: Die Angst ist nichts Gutes. Mein geistlicher Vater meinte, dass sie vom Teufel kommt. Aber ich kann deine Sorgen nachvollziehen. Wir leben in einer Zeit, in der, scherzhaft gesagt, jede Familie im Durchschnitt eineinhalb Kinder hat, und Familien mit mehr Kindern als Asoziale oder nicht Aufgeklärte stigmatisiert werden. Das ist Unfug. Ein Kind in der Familie kann leicht zum Egoisten erzogen werden. Eheleute, die sehr viele Kinder bekommen, handeln unverantwortlich, wenn sie keine Mittel besitzen, um diese Kinder vernünftig zu erziehen. Viele Kinder sind ein Segen für die Familie, wenn die Eheleute sich darum kümmern, dass alle ihre Kinder mit allem Nötigen versorgt werden (zum Beispiel Essen, Bildung, etc.)

     

    Katharina: Wie sollte man denn die Kinder erziehen?

     

    Vater Paul: Ich bekomme immer wieder diese Frage zu hören. Scherzhaft antworte ich auch, dass die Eltern sich besonders heute bemühen sollten, selbst ihre Kinder zu erziehen. Es gibt heute schon die Praxis der Ganztagsschule, oder noch schlimmer, wenn die Verantwortung für die Erziehung ein Elektrogerät, wie Computer oder Smartphone, übernimmt. Das kann man halt machen, aber dann sollten sich die Eltern nicht wundern und sich fragen, woher die „das“ eigentlich haben. Wenn man die Verantwortung für die Erziehung nicht übernehmen wollte, dann werden die Kinder eben irgendwie oder von irgendetwas erzogen. Aber das ist ja auch keine Lösung. Man sollte in der Erziehung nichts dem Zufall überlassen. Die Kinder spüren oft vieles, auch wenn man nichts sagt. Kinder sind zu rationalen Schlüssen noch nicht fähig, sie nehmen viele Dinge emotional wahr, was sich später zu einer Pathologie entwickeln kann.

     

    Katharina: Aber was ist, wenn ich neben der Kindeserziehung auch noch meiner Karriere nachgehen möchte?

     

    Vater Paul: Das ist natürlich ein zeitgenössischer Traum. Es gibt natürlich Mütter, die sowohl Kinder erziehen als auch an ihrer Karriere feilen. Man muss hier auch mit besonderer Vorsicht an die Kindeserziehung herangehen, wenn man seine Karriere nicht aufgeben möchte. Man muss hier die Frage stellen, wer sich um das Kind sorgen wird. Der Vater? Das ist heute schon gang und gäbe. Allerdings, wenn der Vater auch noch arbeitet, dann landet das Kind in der Kindertagesstätte oder in der Ganztagsschule. Der Staat übernimmt in der Rolle dieser Einrichtungen die Erziehung. Aber es ist fraglich, ob der Staat auch im Interesse der Familie erzieht. Es ist naheliegend, dass der Staat die Kinder für sich erziehen wird, und damit könnten dann wiederum die Eltern nicht einverstanden sein. Doch was haben sie erwartet, wenn sie die Verantwortung für die Erziehung selbst nicht übernehmen wollten, und diese an Dritte weitergereicht haben? Außerdem kommen bei Karrieremenschen noch der tägliche Stress und Depressionen hinzu. Soll in dieser Atmosphäre dann noch das Kind erzogen werden? Kinder gehören in einer christlichen Ehe Christus! Wenn die Eltern nur ihrer Karriere nachjagen, so ähneln sie Egoisten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Kinder ebenfalls Egoisten werden. Wenn jeder in der Familie seine eigenen Ziele verfolgt, so gibt es keine Erziehung, so sind Eltern keine Autoritätspersonen, so gibt es keine Liebe und kein Respekt unter einander. Christliche Erziehung ist dort, wo Mutter und Vater Christus als Zentrum ihres Lebens begreifen, und dann gibt es geistliche Liebe und geistlichen Frieden in der Familie.

     

    Katharina: Kann man denn nicht durch den Gottesdienst vorbeugen, dass die Kinder auf geistige Abwege geraten?

     

    Vater Paul: Das wäre ein leichter Weg, doch man sollte aufhören, im kirchlichen Gottesdienst Magie zu sehen. Wir betreiben keine Magie in der Kirche, sondern bitten Gott um Beistand für unser geistliches Leben. Der Gottesdienst ersetzt keine christliche Erziehung. Es ist absurd, wenn die Eltern schon kleinen Kindern strenges Fasten aufzwingen, auf Pilgerreisen schleppen, Gebetstexte nachplappern lassen. Das hat mit christlicher Erziehung nichts zu tun. Es kann sogar dazu kommen, dass die Kinder aus Protest den Glauben der Eltern verachten werden. Man kann die Liebe zum Glauben nicht erzwingen.

    Die Kinder verstehen oft den Gottesdienst nicht, nicht selten haben die Erwachsenen selbst vom Gottesdienst keine Ahnung. Wenn sich also die Eltern magische Wirkung durch die Kirche bei der Erziehung erhoffen, kann es zur Überfütterung mit einer äußerlichen Kirchlichkeit kommen. Der Schuss kann dann nach Hinten losgehen.

     

    Katharina: Sie meinen, das Mysterium der Kommunion hat dann keine Wirkung bei Kindern?

     

    Vater Paul: Ich bitte dich, Katharina! Erwarte keine Magie von der Kommunion. Gott tut sein Werk! Wenn aber die Eltern die Erziehung vernachlässigen, dann wird das Kind irgendwie, aber nicht unbedingt richtig erzogen. Es ist definitiv gut, wenn die Eltern die Kinder an der Kommunion teilnehmen lassen. Das ist die erste notwendige Bedingung der guten christlichen Erziehung, doch nicht ihre einzige.

    Leider gibt es auch noch ein anderes Szenario. Die Kinder „werden kommuniziert“, die Eltern enthalten sich aus unerklärlichen Gründen. Die Kinder werden mit Sicherheit dann ihrem Beispiel folgen.

     

    Katharina: Können Sie bitte, Vater, nochmals kurz die christliche Erziehung erläutern?

     

    Vater Paul: Nun, mein Kind, wir können das ganze aus einer anderen Perspektive betrachten und fragen, wie sie nicht aussehen sollte. Es gibt zuweilen bei manchen Eltern die Tendenz, die Kinder mit Gott einzuschüchtern: „Der liebe Gott wird dich bestrafen.“ Das ist eindeutig keine christliche Erziehung. Auch der kirchliche Besuch nur zu Weihnachten und Ostern ist keine christliche Erziehung. Christliche Erziehung ist vor allem ein Leben in Christus und mit Christus. Es wäre vorteilhaft für die ganze Familie, wenn sich Eltern zusammen mit Kindern des Heilsplans Gottes bewusst werden. Man muss nicht gleich die Kinder mit Bibellektüre „füttern“, es gibt ja auch Kinderbibeln. Doch man sollte das intellektuelle Interesse der Kinder für diese Lektüre wecken, sie dafür begeistern. Wenn die Eltern aber den Gottesdienst nicht verstehen, nur zwei Mal im Jahr die Kirche besuchen, von welcher christlichen Erziehung kann dann die Rede sein? Die Eltern sollten die christliche Kultur durch ihr eigenes Beispiel vermitteln, nicht durch Schule, nicht durch Kirche. Die Eltern sind die Personen, die für die Kinder mustergültig sind.

     

    Katharina: Vater, Sie haben vor kurzem Computer in der Erziehung erwähnt. Ist es aus orthodoxer Sicht generell ein Übel für die Kinder?

     

    Vater Paul: So weit würde ich nicht gehen. Ich denke, die orthodoxe Kirche ist weit davon entfernt, Computer in der Erziehung zu verbieten. Wir leben nicht im Mittelalter. Die Kirche lehrt den Weg der Mitte. Sie sagt uns, dass wir die Maßlosigkeit meiden sollten. Wenn ein Kind einen Computer für die Bildung nutzt, dann ist das doch gut, aber das Kind sollte nicht davon versklaven lassen. Wenn der Computer das Leben des Kindes bestimmt und das Kind permanent zwanghaft vor der Glotze hängt, dann läuft in der Erziehung eindeutig etwas falsch. Die Dinge sind um des Menschen willen da, nicht der Menschen um der Dinge willen. Zur Kultur gehören heute notwendigerweise auch Medien, doch die Eltern sollten ihren Kindern den verantwortungsvollen Umgang damit vermitteln. Man darf auch den Computer nicht dämonisieren. Nicht die Computer machen die Kinder zu Zombies, sondern Eltern, die keine Ahnung von Computern und von der verantwortungsvollen Erziehung haben. Solche Geräte, wie Computer und Smartphones, sind heutzutage nicht wegzudenken. Wenn die Eltern diese Geräte nicht anschaffen, tut es die Schule. Die Kinder werden mit der Technik früher oder später konfrontiert, und besser ist es, wenn es unter elterlicher Aufsicht geschieht. Auch in der Medienerziehung sollten also die christlichen Eltern das richtige Maß einhalten.

     

    Nun gut, mein Kind, heute habe ich versucht, alle deine Fragen zum Thema Ehe zu beantworten. Wir haben nicht alle Themen besprochen. Doch ich denke, jetzt hast du einen kleinen Überblick darüber bekommen, wie die orthodoxe Auffassung von der Ehe ist. Weil die Zeit drängt, müssen wir leider das Gespräch beenden. Viele weitere Fragen werde ich in Zukunft noch beantworten können, aber für heute reicht es erst einmal. Besuche auch nächste Woche unsere Katechumenengruppe. Nächste Woche sprechen wir über das Mysterium der Beichte.

     

    Katharina: Danke für das Gespräch, Vater. Ich hoffe, wir sehen uns bald.

     

    Ende

     

    Das Mysterium der Ehe

    Herausgeber: Alexander Achziger jr.

     

    Korrektur: Diakon Roman Bannack

     

    Dieser Dialog entstand auf der Basis der mündlichen Vorträge

    des Hegumen Petr Meščerinov.

    Widmung:

     

    Für Evangelia

     



    [1] Hier ein Auszug aus der Sozialdoktrin der orthodoxen Kirche zum Thema Empfängnisverhütung (Punkt X:„Eine religiös-sittliche Beurteilung muß auch die Frage der Empfängnisverhütung erfahren. Einige kontrazeptive Mittel besitzen eine praktisch abortive Wirkung, die bereits in den frühesten Stadien das Leben des Embryos künstlich beendet, weshalb diese Mittel dem für die Abtreibung geltenden Urteil unterliegen. Andere Mittel, die nicht mit dem Abbruch bereits beginnenden Lebens verknüpft sind, dürfen keineswegs einer Abtreibung gleichgestellt werden. Bei Begründung ihrer Haltung zu den nichtabortiven Empfängnisverhütungsmitteln lassen sich die christlichen Ehegatten von der Überzeugung leiten, daß die Weitergabe des menschlichen Lebens eines der Hauptziele des durch Gott gestifteten Ehebundes ist (vgl. X.4). Der bewußte Verzicht auf Kinder aus egoistischen Erwägungen entwertet die Ehe und ist eine unbestreitbare Sünde.“http://www.hamburg-hram.de/de/wp-content/files/Sozialdoktrin_ROK.pdf (aufgerufen am 14. Jul. 2017).

    [2] Dieser Wortlaut ist die kirchen-slawische Übersetzung von Mt 11,12.

  3. Liebe Brüder und Schwestern, im eher systematisch denn chronologisch gegliederten Lukas-Evangelium umfasst die stark verkürzte Version der Bergpredigt (vgl. Mt. Kap. 5-7) gerade ein halbes Kapitel. Schwerpunkte der bei Lukas als "Feldrede" bezeichneten Predigt bilden die Seligpreisungen in Kurzform (Lk. 6: 20- 26) sowie das Wort von der Feindesliebe (Lk. 6: 27-36). Ist also bei beiden Evangelisten von zwei Ereignissen die Rede? Bei Matthäus stieg der Herr auf einen Berg (s. Mt. 5: 1), bei Lukas stieg Er den Berg hinab und sprach in der Ebene zu den Menschen (s. Lk. 6: 17). Ein Widerspruch? Haben wir es hier mit zwei verschiedenen Predigten zu tun? - Eher nicht. Der Evangelist Lukas erzählt davon, wie der Herr zunächst auf einen Berg stieg, dort die ganze Nacht im Gebet verbrachte und dann bei Tagesanbruch aus der Schar der Jünger zwölf auswählte, die Er dann Aposteln nannte (s. Lk. 6: 12-13). Die anschließende Rede an das Volk wurde (aus akustischen Gründen?) wahrscheinlich auf einem Hochplateau des Galiläischen Berglandes gehalten, so dass auch hier der Begriff "Bergpredigt" zutreffend ist. Das Herzstück der komprimierten Bergpredigt lautet: "Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen" (Lk. 6: 31). Diese "Goldene Regel" hat auch in anderen Religionen und Weltanschauungen in der einen oder anderen Form Gültigkeit. Auf den ersten Blick stellt sie ja einen Aufruf zum Handeln nach rein menschlicher Gerechtigkeit dar. Auch von Heiden und Ungläubigen kann man gewiss fordern, dass sie sich allgemein gültigen moralischen Regeln unterordnen und keine doppelten Standards zulassen. Doch der Herr verpackt die Botschaft von der Gleichbehandlung ohne Ansehen der Person in die Rede von der Liebe zu den Feinden (s. Lk. 6: 27-30)! Durch sie ergibt die ganze Botschaft erst richtig Sinn. Denn: "Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür?" (Lk. 6: 32). Durch diese rhetorische Frage hebt der Herr Sein Anforderungsprofil an uns auf eine völlig neuartige Ebene - vom rein moralischen Denken, das sich auf korrektes äußeres Tun beschränkt, auf die spirituelle Ebene, - auf das, was den Zustand der eigenen Seele vor Gott angeht. Und da tun sich zwischen beiden Wertekategorien Welten auf! Denn wer sich bloß nach menschlichen Verhaltensnormen orientiert, lebt weiter in der Illusion, er sei eigentlich ein ganz guter Mensch und sogar kein schlechter Christ; wer sich jedoch spirituell dem Angesicht Gottes nähert, kann nicht anders als Tränen der Buße ob seiner absoluten Unwürdigkeit vor Gott zu vergießen (s. Jes. 6: 5). Der Bergpredigt zufolge reicht "nett sein" Gott nicht aus. Seine Freunde und Angehörige liebt jeder, das ist die natürlichste Sache der Welt; auch nicht aggressiv auftretende Fremdlinge oder friedfertige Außenstehende nach Gesichtspunkten menschlicher Ethik zu behandeln ist ja durchaus noch im Bereich des Vorstellbaren, aber jemanden zu lieben, der mich hasst - das ist gegen die Natur des Menschen. Das ist aus der Perspektive menschlichen Denkens und Fühlens eigentlich unvorstellbar. Doch gerade das fordert der Herr von uns! Mit anderen Worten: wir sollen uns nicht nach unserer (wohlgemerkt: gefallenen) Natur richten, sondern diese überwinden! So wie mit allen Dingen im Leben, ist es jeder Sache zuträglich, wenn sie von frühester Kindheit gelernt wird. Eine Sprache, ein Musikinstrument oder eine Sportart perfekt zu beherrschen ist für einen, der von Kindesbeinen damit anfängt, um ein Vielfaches leichter als für einen im Alter fortgeschrittenen Neuanfänger. Deshalb sollten wir alle unser besonderes Augenmerk auf das richten, wie Kinder sich gegnüber ihren Eltern verhalten. Wir leben ja in Zeiten antiautoritärer Erziehung, in denen dem Nachwuchs schon im Kindergarten eingebläut wird, Kinder hätten nur Rechte und Eltern nur Pflichten. Wohlmeinende Eltern erfüllen in ihrer Naivität ihren Kindern alle Wünsche und merken nicht, wie sie egoistische Nichtsnutze aufziehen, die von anderen immer nur fordern, aber selbst nichts geben wollen. Das eindeutige und unwiderrufliche Gebot: "Ehre deinen Vater und deine Mutter" (Ex. 20: 12a) lässt sich dabei vorzüglich in Verbindung mit der "Goldenen Regel" bringen. Egal was die Kinder in der Kita oder in der Grundschule hören, eines ist gewiss: wie sie jetzt mit ihren Eltern umgehen, so werden später ihre Kinder mit ihnen verfahren. Da sie Respekt und Fürsorge ihres künftigen Nachwuchses jetzt aber noch nicht für sich selbst wollen können, müssen es die Eltern jetzt für sie wollen. Letztere können sich besagter Gesetzmäßigkeit natürlich entziehen, indem sie sich von vornherein gleichgültig in Bezug auf die Entwicklung ihrer Kinder zeigen, aber dann werden sie im Alter zu Opfern ihrer unterlassenen Erziehung. Resultat: abgebrochene Beziehungen, kontinuierlicher Übergang von einer Pflegestufe zur nächsten, Vorfriedhofsruhe. Prüfungen stehen ohnehin, unabhängig vom individuellen geistlich-moralischen Profil, gleichermaßen allen Menschen bevor (s. Offb. 2: 23; 3: 10). Es kommt nur darauf an, wie man sich auf Unvermeidliches vorbereitet. Wer nach dem Geiste des Evangeliums lebt, wird auch dann, wenn er durch große Not geprüft wird, seine übergroße Freude und sogar seine tiefe Armut in den Reichtum selbstlosen Gebens verwandeln (s. 2. Kor. 8: 2). Also brauchen wir uns davor nicht zu fürchten, auch Undankbaren gegenüber mit guten Taten in Vorleistung zu treten, denn das macht die selbstlose Liebe erst aus (s. Lk. 6: 34). Und wenn dereinst auf dem Nachttisch im Altersheim vielleicht eine Bibel liegt, werden wir unter Lk. 6: 31 nachblättern können, wie es von vornherein hätte sein können: "Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen". Um im Alter nicht in Windeln gewickelt zu sein, sollten wir jetzt das tun, was Gott von uns erwartet. Amen.
  4. Liebe Brüder und Schwestern, heute treffen wir bei Matthäus auf zwei Blinde, deren Augen nach dem Bekenntnis ihres Glaubens (s. Mt. 9: 28) geöffnet werden. Faktische Erzählungen des Evangeliums können genauso wie Bildreden übrigens auch einen übertragenen Sinn haben. Wie unschwer zu erraten, bezieht sich der allegorische Aspekt der Erzählung von den Blinden auf unsere geistliche Blindheit, die nur durch ein stricktes Festhalten am Glauben, sprich, einem aktiven Fortschreiten im geistlichen Leben, abgelegt werden kann. Aber, aber, wie unkonkret ist das denn?! Was soll man sich als heutzutage unter geistlicher Blindheit vorstellen?! - Ganz einfach: die Unfähigkeit, seine eigenen Sünden zu sehen. Schon die erste Stufe der Seligpreisungen verlangt von uns zu Beginn des Matthäus-Evangeliums jene "geistliche Armut", die uns den Zugang ins Himmelreich sichert (s. Mt. 5: 3). Aber was ist das für eine rätselhafte "Armut" vor Gott? Die Auflösung erleben wir am Ende des Matthäus-Evangeliums in Gestalt der "Schafe" zur Rechten des Herrn, die sich ihrer guten Taten vor dem Herrn gar nicht gewahr geworden waren (s. Mt. 25: 37-39). Aber bemühen wir uns überhaupt, uns diese Demut vor dem Herrn anzueignen?.. Stattdessen erwarten wir, dass Gott uns gegenüber in Vorleistung tritt, uns mit irdischem Glück und materiellen Gütern überhäuft, während das Himmelreich noch warten kann. "Wir werden das Reich Gottes ja sowieso zu gegebener Zeit in Besitz nehmen, jetzt aber wollen wir es uns erst mal hier gut gehen lassen" - so denken, fühlen und leben doch die Meisten. Dass sie sich da aber nicht täuschen!... Nach Pfingsten feierten wir das Gedächtnis der Heiligen der Kirche. Heilige sind wie wir Menschen aus Fleisch und Blut, sogar mit Fehlern und sündhaften Neigungen, jedoch sehen sie sich als unendlich sündhaft gegenüber Gott und würden angesichts ihrer eigenen Unwürdigkeit niemals einen anderen ob dessen Schwäche verurteilen. Wir geben uns aber schon damit zufrieden, dass wir keine Räuber, Diebe oder Ehebrecher sind, - und merken gar nicht, dass wir damit die innere Einstellung eines lupenreinen Pharisäers offenbaren (s. Lk. 18: 11). Jedenfalls hindert uns diese Haltung nicht daran, uns selbst über andere Menschen zu erheben und uns mit Gott vollkommen im Reinen zu wähnen. Die unheilvolle Fehleinschätzung. die wir begehen, ist die, dass wir über uns und Andere nach menschlichen statt göttlichen Kriterien richten. Gut, wir leben halbwegs anständig, unser Handeln ist von moralischen Normen geprägt, also sind wir doch objektiv viel besser als irgendwelche heruntergekommenen Halunken. Ja, möglich, dass das aus menschlicher Sicht so ist. Aber wer garantiert mir, dass ich, auch im Einklang mit meinen ethischen Normen von Ehrgefühl und Pflichtbewusstsein, nicht einen Menschen derart verletzt habe, dass ihm der Boden unter den Füßen entglitten ist, oder dass jemand von mir Hilfe in der Not erwartet hat und ich sie ihm bewusst oder unbewusst verwehrt habe?! Ein Suchtkranker oder ein Unzüchtiger ist gewiss auch nicht ganz unschuldig, aber er richtet womöglich keinen so großen Schaden an wie ich in meiner Selbstzufriedenheit. Nur Gott weiß wirklich, was Sache ist. Deshalb ist es von schier unermesslicher Bedeutung, dass wir uns stets redlich bemühen, vor Gott demütig zu sein und ehrfürchtig danach sinnen, in allem Seinen Willen zu tun. Deshalb heißt es: "Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn" (Ps. 110: 10; vgl. Spr. 1: 7; 9: 10). Jemand, der Gott nicht fürchtet, wird seine Vorgehensweise niemals selbst hinterfragen, weil er sein egomanes Empfinden als höchste moralische Instanz sieht. Ist er dann aber nicht ein Tor, der Weisheit und Zucht verachtet (s. Spr. 1: 7)?! Dabei kann er (formal) orthodoxer Christ sein und einen Ruf als vollkommen integrer Mensch genießen, während ein Anderer ohne positiven Leumund trotzdem vor Gott besser dastehen kann. Wir dürfen dabei allerdings nicht in das andere Extrem verfallen und sagen, die konfessionelle Zugehörigkeit oder die Häufigkeit der Gottesdienstbesuche spiele dann ja überhaupt keine Rolle, wenn es nur auf die innere Gesinnung des Herzens ankommt. Es gibt, um das klipp und klar zu sagen, nur den einen "Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh. 14: 6) - Jesus Christus! Nur wissen wir auch, dass Gottes Gnade so unermesslich groß ist, dass sie mit menschlichem Gerechtigkeitsdenken überhaupt nicht kompatibel ist (s. Mt. 20: 10-16) und sogar Gottes eigenen Ratschluss abändern kann, wie im Falle Ninivehs zu Zeiten des Propheten Jonas (s. Jona 4: 11). Haben Adam und Eva nicht endgültig den Tod als Strafe für ihren ungehorsam verdient (s. Gen. 2: 17)?! Todesurteile besitzen gemeinhin die Eigenschaft, nach ihrer Vollstreckung de facto unwiderrufbar zu sein - nur nicht bei Gott! Der Sündenfall der Ureltern war das Fanal für die Rettung des Menschengeschlechts durch die Menschwerdung Gottes, wie im Protoevangelium angekündigt (s. Gen. 3: 15). Und hat vor der endgültigen Überwindung des Todes nach kirchlicher Überlieferung Johannes der Vorläufer nicht denen die nahende Erlösung durch den Herrn verkündet, die im Hades eingeschlossen waren und aus Unkenntnis zu Lebzeiten nicht den wahren Gott angebetet hatten? Dadurch konnten auch sie durch den Glauben Teilhaber der Auferstehung werden! Nun werde ich mich weiter aber nicht an Spekulationen darüber beteiligen, welche Überraschung uns der Herr am Ende aller Zeiten bereitet hat. Das übersteigt den menschlichen Verstand ums Unendliche. Ich möchte bloß nicht, dass wir dann wegen selbstgerechter Sorglosigkeit eine böse Überraschung erleben (s. Mt. 7: 21-23). Deshalb werde ich mich lieber an die Worte aus dem Morgengebet halten, in denen wir den Herrn bitten, unsere Gedanken mitsamt den (geistlichen) Augen zu erleuchten und unseren Verstand vom tiefen Schlaf der Trägheit erstehen zu lassen. Amen.
  5. "Ihr Apostelfürsten und Lehrer des Erdkreises, bittet den Herrscher des Alls, der Welt Frieden und unseren Seelen Sein großes Erbarmen zu schenken". (Troparion zum Fest) "Die starken und gotterfüllten Verkünder, die ersten der Apostel, hast Du, Herr, aufgenommen in die Wonne Deiner Güter und in Deine Ruhe. Denn ihre Leiden und ihren Tod hast Du mehr als jedes irdische Opfer angenommen, Der Du allein die Herzen kennst". (Kondakion zum Fest) Liebe Brüder und Schwestern, zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte beschloss die Kirche, - höchstwahrscheinlich infolge eines Disputs darüber, wem unter den Aposteln der höchste Verehrungsgrad zusteht - das Gedächtnis der Apostelfürsten Petrus und Paulus gemeinsam an einem Tag zu feiern, um die Ebenbürtigkeit dieser beiden Giganten des Geistes zu unterstreichen. Bei tiefgehender Analyse können wir viele Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zwischen den beiden bedeutendsten Verkündern des Glaubens feststellen. Für alle offensichtlich: Petrus war ein Apostel der ersten Stunde, Paulus - ein Spätberufener; Petrus war einfacher galiläischer Fischer, Paulus hingegen - weltmännisch und hochgebildet. Beide waren aber auch der Schwachheit unterlegene Menschen, beide hatten sich gegen ihren Meister versündigt: Petrus verleugnete den Herrn dreimal und Paulus (Saulus) war in jungen Jahren ein fanatischer Widersacher der Kirche Christi gewesen. Aber das alles sind eigentlich nur oberflächliche, wenn auch kennzeichnende biographische Randnotizen im Vergleich zu dem, was wirklich bemerkenswert ist - den göttlichen Offenbarungen, derer sie gewürdigt wurden. Beide haben nämlich die Herrlichkeit Gottes geschaut: Petrus sah mit den leiblichen Augen die "Macht und Größe" von Gottes Sohn (2. Petr. 1: 16; vgl. Mt. 17: 1-9; Mk. 9: 2-10; Lk. 9: 28-36), Paulus wurde "bis in den dritten Himmel entrückt (...) und hörte unsagbare Worte, die ein Mensch nicht aussprechen kann" (2. Kor. 12: 2-4). Und gerade diese Offenbarungen waren das Unterpfand für das immense Verkündigungswerk beider Apostelfürsten. Daran orientiert sich die Kirche in ihrem Missionswerk. Auch wir versuchen manchmal, voller Eifer, aber ohne Erkenntnis (s. Röm. 10: 2), unsere Mitmenschen zum Glauben zu bekehren, indem wir sie zur Befolgung äußerlicher Vorschriften nötigen (z.B. Beten, Fasten, Gottesdienstbesuch etc.) - mit nur mäßigem Erfolg. Da sich unser missionarischer Eifer nur aus der fragwürdigen externen Befolgung solcher Handlungen speist, sind die Erfolgsaussichten unserer Bemühungen von Anfang an limitiert. Wir vergessen dabei, dass das Reich der Himmel zuerst in uns Gestalt annehmen soll (s. Lk. 17: 21), bevor wir andere zur Wahrheit Christi bekehren können. Wäre das - wie bei den wahren Glaubensboten es immer der Fall gewesen ist - auch bei uns so, bräuchten wir niemandem asketische Anstrengungen aufzubürden, deren Sinnhaftigkeit wir selbst nicht so richtig begreifen. Wäre unsere Bestrebung nämlich eine geistliche, - wirklich auf die Erlangung des Himmelreiches schon zu irdischen Lebzeiten ausgerichtet, - würde zuerst in uns selbst und dann in unseren Mitmenschen ein Feuereifer entbrennen, der die Menschen ohne Drängen oder Zureden dazu verleiten würde, ganz von selbst das Himmelreich unter Aufbietung aller ihnen zur Verfügung stehenden seelischen, körperlichen und materiellen Mittel erlangen zu wollen (vgl. Mt. 11: 21; 13: 44-46). Entbehren unsere Bekehrungsversuchen aber dieser Komponente, sind wir nicht besser als Heuchler, die sich einzig und allein auf ihre formale Rechtschaffenheit verlassen (vgl. Lk. 18: 10-14). Also muss uns djederzeit bewusst sein, dass unsere Glaubensanstrengungen spiritueller Natur sein müssen, denn "Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben; das Vergängliche erbt nicht das Unvergängliche" (1. Kor. 15: 50; vgl. Mt. 16: 17; Gal. 6: 8). Wer durch äußere Werke allein gerechtfertigt zu werden glaubt, lässt sich in Wahrheit auf einen fruchtlosen Ablasshandel ein. In diesem selbstgerechten Lebensentwurf wird Christus zur Nebensache. Unser Ziel muss also vielmehr sein, Nachahmer der geistlichen Größe der Aposteln zu sein, damit Christus auch in uns Gestalt annehmen möge (s. Gal. 2: 20a). Und wer Christus so liebt wie Petrus und Paulus es taten (s. Joh. 21: 15-17; 1. Kor 16: 22), dem werden auch menschliche Unzulänglichkeiten vergeben werden, denn Gottes Gnade "erweist ihre Kraft in der Schwachheit" (2. Kor. 12: 9). Ohne diese Liebe sind wir alle, trotz unaufhörlicher Bemühungen, nur "dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke" (1. Kor. 13: 1). Der gravierendste äußere Unterschied zwischen den beiden größten Aposteln ist, bei näherer Betrachtung, eigentlich vielmehr Ausdruck der grundlegendsten inneren Gemeinsamkeit. Petrus war während des irdischen Missionswerkes Christi im physischen Sinne mit dem Herrn, Paulus trat erst nach der Himmelfahrt Christi als Nachfolger Christi im Geiste in Erscheinung. Dem einen wurde der Herr also im Leibe offenbart, dem anderen im Geiste. Keiner steht aber dem anderen in irgendetwas nach. Also bedeutet das, dass auch wir nach Herabsendung des Heiligen Geistes in die Welt Teilhaber Christi durch Seinen Leib (die Kirche) sein können - so, als ob wir physisch bei der Geburt, der Taufe, dem Kreuztod, der Auferstehung und der Himmelfahrt Christi zugegen wären. Ist nicht auch deshalb Paulus auf den meisten Ikonen der Himmelfahrt Christi abgebildet, obwohl er da, historisch betrachtet, noch nicht zur Schar der Apostel gehörte?!.. Folglich kann nun auch jeder mit Christi Leib Verbundene von sich sagen: "Alles vermag ich durch Ihn, Der mir Kraft gibt" (Phil. 4: 13). Amen.